Donnerstag, 22. Mai 2014

Der Jubiläumspost - is jo wurscht wias hoasst, hauptsoch glesen wirds!

Aus dem üblichen Takt, aber pünktlich zum Jubiläum: Genau heute vor einem Jahr haben wir die Heimat verlassen. Aber hier auf Koh Phangan schmecken die Weißwürste wie in München!

Von Indien oder genauer gesagt von Chennai nach Singapur traf uns wieder einmal der Kulturschock – nur dieses Mal in die andere Richtung. Denn nach insgesamt 3 Monaten in Nepal und Indien fühlten wir uns als hätte uns der 2-Stunden-Flug von 1930 ins Jahr 2080 katapultiert. Nachdem wir uns nun schon relativ „erfahren“ fühlen, was das Reisen und neue Länder betrifft, war es wirklich schön, wenn einem wieder mal so richtig die Kinnlade runterfällt. Denn der Kontrast zwischen Indien, bzw. ALLEM was wir bisher gesehen haben und dieser Stadt der Superlative hätte nicht größer sein können. Wir sind raus aus dem großzügigen, sauberen, ruhigen Changi-Airport in dessen eigene U-Bahnstation, eine Angestellte hat uns unaufgefordert alles genauestens und in bestem Englisch erklärt, hat uns dann noch angeboten, das Geld für den Automaten zu wechseln und schon saßen wir in der blitzeblanken U-Bahn zwischen den top gepflegten und in Edelmarken gekleideten Einheimischen, die alle mucksmäuschenstill in ihr neuestes Smartphone von der Größe eines mittleren Jausenbrettls starrten. Wir dachten an unsere letzte U-Bahnfahrt – nämlich die in Delhi. Dort kamen wir uns noch überdurchschnittlich gut gekleidet, gepflegt und halbwegs wohlhabend vor. Außerdem konnte man kaum atmen, kaum stehen oder sich bewegen. Doch in Singapur sah auch unsere noch am besten erhaltene Kleidung ziemlich schäbig aus, und vor allem unser gewohntes Reiseoutfit, eine bequeme Kombination aus löchrig, abgetragen und fleckig, und dazu noch unsere dreckigen Rucksäcke als Accessoires, konnten mit den hier gegebenen Standards nicht so wirklich mithalten.

Und wie wir eine Zeit brauchten um uns an die indische Kultur zu gewöhnen, dauerte es auch eine Weile sich wieder in das zivilisiertere Leben einzufinden. Die ersten paar Tage waren wir fast sowas wie Rowdies – wir liefen einfach über die Straßen, obwohl die Fahrer hier wieder Verkehrsregeln und Zebrastreifen beachteten, wir irritierten die Passanten, indem wir uns auf eine beliebige Seite der Rolltreppe stellten und drängelten in der U-Bahn.

Der absurde Mix aus verschiedensten Religionen, Wolkenkratzern, hochmodernen und riesigen Shoppingmalls, die alle eine eigene U-Bahnstation besaßen, durchgestylten Parkanlagen, Kunst und die enorme Auswahl an großartigem Essen legte uns einen straffen Zeitplan bis zu unserem nächsten Flug nach Kambodscha vor.


Doch so modern und sicher Singapur auch ist, mit seiner Offenheit gegenüber Religionen, mit seinen VIER Amtssprachen, irgendwie ist es auch ziemlich verklemmt und mittelalterlich. Die Gesetzeslage ist streng und auch ganz schön absurd. Hier das Kurioseste kurz zusammengefasst:

  • ·         3 bis 8 Schläge mit dem Rohrstock sowie eine hohe Geldstrafe, wenn einem nachgewiesen werden kann, dass man gelogen hat.
  • ·         Kaugummi darf nur gegen Rezept und Vorlage des Personalausweises ausgegeben werden.
  • ·        Hohe Geld- und Sozialarbeitsstrafen, wenn man Müll (auch Zigaretten) wegwirft. (ein Knüller nach Indien!)
  • ·         Bei Essen und Trinken in der U-Bahn muss man bis zu 3000,00 EUR Strafe zahlen.
  • ·         Man darf keine geruchsintensiven Lebensmittel in öffentlichen Verkehrsmitteln transportieren.
  • ·         Wenn man Zigaretten aus anderen Ländern einführt, darf die Packung nicht mehr als 17 Stück enthalten.
  • ·         Pressefreiheit existiert in Singapur nicht, die Regierung zensiert jedes Medium.

In den 5 Tagen verbrachten wir unsere Zeit in diversen Nobelmalls, zwei Shoppingmalls (jeweils 3 oder mehrstöckig) nur für Elektronikwaren (Rudis persönlicher Himmel auf Erden), dem größten Buchshop Südostasiens, im IMAX-Kino, auf der künstlich angelegten Insel Sentosa mitsamt Freizeitpark und Strand, im Kolonialviertel, in der riesigen Parkanlage Gardens by the Bay, im gigantischen Hotel Marina Bay Sands, Chinatown und unzähligen Essensständen – doch unser wichtigster Programmpunkt war mit Sicherheit die Live-Übertragung des Rolling Stones-Konzertes vor dem Marina Bay Sands.


Nachdem wir erst eine Woche zuvor entdeckten, dass die Stones genau während unseres Aufenthaltes im Marina Bay Sands spielen und das Konzert sowieso 2 Stunden nach der Beginn des Ticketverkaufes voll war, waren wir zunächst ein wenig betrübt – aber als wir dann eine Woche darauf vor der riesigen HD-Leinwand vor der großartigen Skyline Singapurs standen, freuten wir uns schon drauf. Die frischen Fruchtsäfte, ein bisschen mit Rum aufgebessert, halfen natürlich auch. Als dann aber die Stones vor dem Konzert in „Echt“ vor uns standen um auch den finanziell „armen“ Fans viel Spaß zu wünschen, war die Stimmung perfekt. Zumindest bei uns. Denn auch hier sah man den Unterschied zwischen den Mentalitäten. Wir schüttelten uns gemeinsam mit einer 55-jährigen Italienerin und einem Kolumbianer zu den ersehnten Klassikern bis wir schweißdurchtränkt waren und die Einheimischen standen da und machten Videos mit ihren Tablets.


Singapur, eine beeindruckende Stadt voll mit modernen Sehenswürdigkeiten, Technik, Kunst, Konsum, Luxus. Aber irgendwie auch ein goldener Käfig mit immensem Druck auf die Arbeitnehmer, kurzlebigen Branchen und eine „Zeig was du hast“-Einstellung, die einem das Leben trotz vieler Annehmlichkeiten nicht gerade einfach macht. Doch wir wissen jetzt schon: Singapur wird uns mit Sicherheit wiedersehen.

Mit einem „Bis Bald!“ verabschiedet, ging es weiter in die Hauptstadt Kambodschas mit dem komplizierten Namen – Phnom Penh. Kaum hatten wir uns ein bisschen an das komfortable, moderne Leben Singapurs gewöhnt, wurden wir auch schon wieder einige Jahrzehnte zurückversetzt. Statt mit einer U-Bahn, die ihre Stationen in 4 Sprachen ankündigt, tuckerten wir nach harten Preisverhandlungen zu unseren Gunsten in einem kutschenähnlichen Mopedanhänger vom Flughafen in die Stadt. Stockender Verkehr, lautes Hupen, Motorräder mit voll ausgestattetem Grillwagen, die an einem vorbeirasen und gleichzeitig mit der Grillzange das Fleisch umdrehen. Unser Fahrer fängt langsam an zu fragen: „First time in Cambodia?“ Wir bejahen vorsichtig, denn diese Frage bedeutet meistens mehr, aber zum Glück haben wir ja zwei Monate Indienerfahrung hinter uns und außerdem ganz neu im Repertoire: ein Tablet, mit dem man die Strecke überprüfen kann. Als wir dann bereits nach halber Strecke wieder im Stau steckten, stieg er mit gespielt bedrückter Miene vom Moped ab und teilte uns oscar-reif mit: „Ah, I forgot to tell – this price is per person.“ Aber wir stehen diesem Kasperltheater eh in nichts mehr nach, griffen sofort nach unserem Gepäck und sagten: „Ok, no problem, then we leave and you‘ll get nothing.“ Der Stau löste sich auf und mit ihm auch das betrübte Gesicht unseres Fahrers, der es sich dann plötzlich doch wieder überlegt hat und dann sagte: „Hahaha, you know me, I was just joking.“ Mal so richtig herzhaft über seinen tollen „Witz“ gelacht, gelangten wir schlussendlich doch noch mit ihm zu unserem Hostel. Am Ende hätte er noch versucht uns beim Wechselgeld über den Tisch zu ziehen, aber das wars dann auch schon. Im „Mad Monkey“ angekommen, ging das Affentheater auch schon los. Die kambodschanischen Angestellten perfekt auf Kunden ansäuseln trainiert, wurden wir mit Piepstimmen belagert bis uns die Ohren fast bluteten, die Barkeeper kündigten bereits die ersten St.Patricks-Day-Angebote und die Partylöwen wärmten sich schon für das intensive Umwerben der paarungswilligen Weibchen auf. Ein lustiges Schauspiel!

Am ersten Morgenspaziergang durch die Stadt wurden wir gleich einmal von einem gehörigen Kater begleitet. Doch auch durch den Dunst der vorangegangenen Nacht waren wir von Phnom Penh wirklich positiv überrascht. Eine saubere Innenstadt, schöne Anlagen, das Hostel war gut organisiert – touristisch sehr bequem. Aber nicht nur Backpacker verirrten sich hierher. Schon in unserem Hostel wurden Andeutungen gemacht, dass allein reisende Herren nicht unbedingt wegen dem Angkor Wat nach Kambodscha kommen. Als wir so durch die Stadt liefen sahen wir einige mehr oder weniger ergraute Männer durch die Gegend ziehen. Oft allein und suchend, oder schon in Begleitung einer jungen Kambodschanerin, die mindestens als Tochter, wenn nicht sogar als Enkeltochter durchgehen könnte. Ein Tourismuszweig, der anscheinend auch in Kambodscha boomt!


Wir klapperten diverse Sehenswürdigkeiten in der Stadt ab, den Citypalace mit der Silberpagoda, Parks, Statuen. Aber das Eindruckvollste und auch Bedrückendste war Choeung Ek, oder auch die Killing Fields südlich von Phnom Penh. Dazu ein bisschen Geschichte: Die Roten Khmer war eine nationalistische Bewegung, die 1975 bis 1978 versuchten, Kambodscha gewaltvoll zum Agrarkommunismus zu zwingen. Während dieser Zeit töteten sie ca. 2,2 Millionen Kambodschaner. Sie errichteten Arbeitslager und töteten fast die gesamte intellektuelle Elite des Landes und deren Angehörige. In Kambodscha gibt es rund 300 Killing Fields, allein in Choeung Ek wurden um die 17.000 Menschen mit Äxten, Eisenstangen und Bäumen erschlagen, denn Munition war zu teuer. Heute bekommt jeder Besucher einen Audioguide, der einen durch das Gelände führt. Man sieht Massengräber, den Baum, an dem die Kinder zerschlagen wurden, den Gedächtnisstupa mit tausenden von menschlichen Schädeln und anderen Knochen, verbunden mit dem toll gemachten Audioguide wird dieser Besuch zu einer tränennahen Führung durch die unglaublich grausame und brutale Vergangenheit Kambodschas. Noch Stunden danach waren wir kaum zu einem Wort fähig. Anschließend machten wir uns immer noch sehr einsilbig auf den Weg zu Tuol Sleng, dem ehemaligen Verhör- und Folterzentrum der Roten Khmer. Hier bedrückten vor allem hunderte Fotos an den Wänden, denn jeder Gefangene der Roten Khmer, wurde nach seiner Festnahme fotografiert und erfasst. Die Gesichtsausdrücke der teils sehr jungen Menschen brennen sich einem in die Netzhäute und wir verstummten aufs Neue.


Nach 3 Nächten in Phnom Penh führte uns der Weg zu unserer letzten, großen (bisher bekannten) Sehenswürdigkeit, dem Angkor Wat in Siem Reap. Siem Reap war vielleicht mal vor Jahrzehnten ein beschauliches Städtchen, aber inzwischen ist es zur Touristenhochburg herangewachsen. Die Hotelstandards sind unglaublich, und das zum Spottpreis. Wir hatten ein schickes, neues Boutiquehotel mit unglaublichem Swimmingpool für stolze 9,00 USD pro Person inklusive Frühstück. Aber nach Siem Reap kommt man nicht wegen des Pools, wegen der hundert Bars und Kneipen, sondern vorwiegend wegen der weltgrößten Tempelstadt, dem Angkor Wat. Da es tagsüber nur gute 35 Grad Celsius hatte, haben wir uns für die sportliche Variante entschieden die antike Tempelanlage zu erkunden. Am ersten Tag sind wir bei sengender Hitze 50km geradelt um die Tempel um das Angkor Wat zu erkunden, und den zweiten Tag noch schlappe 30km. Hört sich jetzt für die Radbegeisterten unter euch Lesern nicht so spektakulär an – aber wir sind ja nicht nur um die Tempel herumgefahren, wir sind ja auch auf jeden rauf- und rundherumgelaufen. Dafür wars danach im Pool umso angenehmer und die Cocktails hatten wir uns auch redlich verdient! 



Siem Reap hielt aber noch eine zweite Sehenswürdigkeit für uns bereit – „die Schnitzelwirtin“. Als wir Tripadvisor nach einem guten Lokal absuchten, ist uns der Name natürlich sofort ins Auge gesprungen. Die Bewertungen waren ausschließlich von Österreichern und Deutschen, die alle restlos begeistert waren. Und wie es der Teufel so haben wollte, es ist Sonntag, wir waren wieder mal ein wenig verkatert – was gibt es da Besseres als ein Schnitzel! Die Schnitzelwirtin stellte sich als Wirt aus Niederösterreich heraus, der mit einer Thailänderin verheiratet war. Auch die jahrelange Abwesenheit aus Österreich schmälerte weder seinen derben Schmäh noch seine Leibesfülle. Außer uns befanden sich noch ein paar Gäste aus Norddeutschland im Restaurant, die ihn höflich fragten, wieso sein Lokal „Schnitzelwirtin“ hieß, wenn er doch ein Wirt war. Seine Antwort fiel typisch österreichisch aus: „Is jo wurscht wias hoasst, hauptsoch Leid keman!“ Wir fühlten uns für 2 Stunden wie daheim, spitzenmäßige Schnitzel mit Erdäpfelsalat wie daheim, Bayern 3 im Radio und einem „gscherden“ Niederösterreicher, der auf jegliche Etikette verzichtet, aber uns dafür eine Portio Heimat serviert hat.

Nachdem wir in Kambodscha das Pflichtprogramm erfüllt hatten, wurde es auch schon Zeit für uns nach Vietnam zu eilen, weil dort schon bald die ersten Gäste auf uns warteten. In Ho-Chi-Minh-City, ehemals Saigon angekommen, fiel uns sofort das Unübersehbare auf. Motorroller soweit das Auge reicht. Ein Fakt zur Veranschaulichung: In Saigon wohnen ca. 9 Millionen Menschen und die bewegen sich auf 6 Millionen Rollern durch die Stadt. Doch trotz aller Hektik und der schlechten Luft, irgendetwas hatte die Stadt an sich, was uns gefiel. Der Park, in dem die Einheimischen abends tanzen oder spielen gingen, die kleinen Märkte in den engen Gassen (auch wenn der Geruch jedes Mal eine Herausforderung für mich darstellte), und die Leute, die an den Straßenständen Tag für Tag ihre dampfende Pho bo (Nudelsuppe mit Rindfleisch) frühstückten. Trotz aller Touristen mit der zugehörigen Infrastruktur wie Hotels, Reisebüros, Massagen, Bars, internationale Restaurants, gibt es noch ein authentisches Saigon mit ihren Frauen in Pyjamas, Reishüten, Märkten, das sich irgendwie perfekt ergänzt und den Fremden somit einen guten Blick hinter die Kulissen bietet.

Nach 2 Tagen bekamen wir den bereits angekündigten Besuch. Rudis Eltern begleiteten uns für zwei Wochen durch den Süden Vietnams. Der erste Ausbruch aus Saigon stellte die zweitägige Fahrt ins Mekong-Delta dar. Nachdem wir uns durch unzählige Reisebüros durchgekämpft hatten, die schlussendlich das Gleiche zu verschiedenen Preisen anboten, entschieden wir uns für das preisliche Mittelfeld und hofften auf das Beste. Der erste Tag der Tour erwies sich als, naja, nicht besonders spannend. Man wurde vom Bus aufs Boot verladen, probierte dies und das und verließ natürlich nichts ohne nicht vorher durch den Verkaufsraum gejagt worden zu sein. Der zweite Tag war ereignisreicher, wir besuchten einen schwimmenden Markt und zu Mittag gab es eine besondere Spezialität – Ratte vom Reisfeld. Unser Resümee: Voll wird man davon wirklich nicht, aber andererseits – wer will das schon? Eine kleine Flasche Reisschnaps zum Desinfizieren später, ging es dann wieder ab aufs Boot und von dort wieder nach Saigon. 


Wir steuerten unser nächstes Ziel an: Mui Ne. Internet und Reiseführer preisen das kleine Fischerdorf am Meer mit einigen Hotels und halbfertigen Ressorts als idyllischen kleinen Badeort mit viel Charme an. Wir fanden leider ungepflegte Strände, aber zum Glück auch eine gemütliche Unterkunft mit einem herrlichen Garten und Pool, interessante rote und weiße Sanddünen und eine schöne Aussicht auf die bunten Fischerboote im Hafen vor. Ein paar Busstunden später befanden wir uns in Nha Trang, wo wir schlussendlich doch noch auf den erhofften schönen Strand trafen. Zwar ist die Stadt überrannt mit Russen, hat aber durch die vielen Restaurants, guten Hotels und die vorgelagerten Inseln doch auch einiges zu bieten.


Nach den anstrengenden Busfahrten und Stadtrundgängen in der Hitze Südvietnams hat man sich ein paar entspannende Tage am Meer und die dazugehörigen Abende auf der Dachterrasse mit Bar im 15. Stock doch wirklich verdient. Die vierzehn Tage vergingen wie im Flug und wir mussten wieder den Rückweg nach Saigon antreten. Dieses Mal ersparten wir uns aber die lange Busfahrt und nahmen stattdessen den bequemeren und deutlich kürzeren Luftweg. Wir erkannten in den zwei Wochen, dass uns schon viele Dinge gar nicht mehr auffallen, weil sie in den letzten Monaten schon so selbstverständlich für uns geworden sind, aber daheim in Österreich völlig undenkbar wären. Sich Moped für Moped zu Fuß über die Straße hanteln, Leute, die am Boden sitzen oder liegen, Standardausstattungen in Hotels, Hygiene in Restaurants, bettelnde Menschen… In vielen Dingen gehen wir schon blind vor uns hin, einfach weil wir es schon so gewohnt sind. Wahrscheinlich macht es uns in einigen Angelegenheiten toleranter, vielleicht aber auch ein wenig abgebrühter und härter.

Wir blieben noch einen Tag länger in Saigon um uns die Cu Chi Tunnel, die selbstgegrabene und ausgeklügelte Wehranlage der Vietcong außerhalb der Stadt, anzusehen. Unser Tourguide war Mister Binh, der eine sonderbare Vergangenheit hinter sich hatte und deshalb vermutlich auch selbst ziemlich sonderbar war. Binh war ein vietnamesischer Veteran, der im Vietnamkrieg jedoch für die amerikanische Seite kämpfte, da er dorthin ausgewandert war. Aufgrund seiner Muttersprache wurde er Anführer eines Platoons, der gegen den Vietcong eingesetzt wurde. Mr. Binh war eine schizophrene Persönlichkeit, irgendwie zwischen Amerika und seinem Heimatland hin- und hergerissen, die Schrecken und Grauen des Krieges noch immer nicht vergessen. Ich hoffe, er wird irgendwann seinen Frieden mit der Vergangenheit finden.


Einen Tag nachdem wir uns von den ersten Gästen verabschiedet haben, stiegen wir in den Nachtbus zurück nach Nha Trang um dort von den nächsten Begleitern am nächsten Morgen zerrupft und zerdrückt in Empfang genommen zu werden. Nun zogen wir mit Theresa und Klaus durch Nha Trangs Russen verseuchte Straßen und spielten Billard bis uns die Finger bluteten. Ein bisschen getrunken haben wir natürlich auch, denn so ein Wiedersehen muss schließlich gebührend gefeiert werden. Nach zwei Abenden des Feierns und den darauffolgenden verkaterten Morgenstunden am Strand, wurde es Zeit wieder aufzubrechen. 


Für uns ging es nach Hoi An, einem charmanten, alten Städtchen, das touristisch vollständig aufgeputzt wurde. Teure Restaurants und Bars in der restaurierten Altstadt, in jeder Häuserreihe mindestens 3 Schneidereien und dazwischen noch ein bisschen Kultur in Form von Handwerksmuseen und Versammlungshäusern. Wir haben zwar auf maßgeschneiderte Anzüge und Kleider verzichtet, dafür haben wir unser Geld in die typischen Gerichte Hoi Ans investiert. White Rose, Teigtaschen aus Reisnudeln mit gehackten Shrimps und vorallem das deftige Cau Lao, das wie Nudeln mit Schweinsbraten schmeckte, eine durchaus genießbare Kombination! Wir verbrachten einen Tag am Strand in Da Nang und erkundeten eher „beim Vorbeifahren“ einen der wunderschönen Marmorberge mit eindrucksvollen Höhlen und einem Buddhistenkloster. Wie schon so oft – man erwartet nichts Besonderes und dann haut es einen fast von den Socken. Wir radelten durch das ländliche Gebiet rund um die Stadt und genossen mal ein wenig Frieden. Nach 4 Nächten in Hoi An haben wir aber auch schon wieder genug gesehen. Mit der üblichen Ausstattung (Oropax und geklaute Schlafmaske aus dem Flieger) rein in den nächsten Bus  und ab nach Hue.



Hue bezeichnet sich als ehemalige Kaiserstadt und wirbt damit auch ganz eifrig. Doch Dank des Vietnamkrieges ist nicht mehr viel von dieser Kaiserstadt zu sehen. Kaiserliche Zitadelle, purpurne Stadt, Kaisergräber, Parfümfluss… Hört sich alles ein bisschen spektakulärer an, als es in Realität war, aber naja, den Eintrittspreisen nach hätte es schon ein bisschen mehr sein können.


Drei Nächte waren somit mehr als genug und wir wollten ein bisschen Abstand von einer Kultur, die uns viel zu fremd ist, als dass wir uns in irgendeiner Weise damit identifizieren könnten. Wir wollten etwas Beeindruckendes, wir sehnten uns nach Natur und beides bekamen wir im Phong Nha Nationalpark, aber dafür mussten wir zuerst ein bisschen kämpfen. Wir fuhren mit einer Tour nach Dong Hoi, dem Ausgangspunkt für die Tagestouristen. Dort liehen wir uns ein Moped aus und fuhren ganz nach asiatischer Art mit zwei riesigen Rucksäcken bepackt über löchrige Straßen ins 30 km entfernte Phong Nha. Die Vietnamesen sind wirklich Meister im Beladen von Mopeds, aber wie man an ihren Blicken sehen konnte, waren sie dieses Schauspiel nicht von den Touristen gewohnt. Nach einigen Duellen mit den Schlaglöchern kamen wir gut verschwitzt, halb verrenkt und natürlich mit plattem Reifen im Pepperhouse Farmstay an. 


Farmstay auf Vietnamesisch sieht so aus: Ein Garten mit Obst und Gemüse, eine Familie bei der man wohnt und eine Holzkiste mit Loch im Badezimmer sowie eine Schüssel mit trockenen Reisschalen, die man nachher über sein Geschäft streut. Laut dem australischem Hippie mit seiner vietnamesischen Frau, die diese Unterkunft führten, fängt das Ganze nicht an zu stinken. Das ganze Bad roch zwar scheußlich, aber naja, muss dann was anderes gewesen sein, den von den Fäkalien von den 6 Leuten, die im Dorm schliefen, konnte es nun ja wirklich nicht sein! Nichtsdestotrotz, der Aufenthalt dort war etwas, das wir wirklich wieder mal brauchten, allein schon wegen der Reisfelder, der Karstberge, das Baden in den türkisen Flüssen - und dabei wurde die Hauptattraktion noch gar nicht erwähnt. Denn in Phong Nha und Umgebung gibt es riesige natürliche Höhlen mit unzähligen Stalagmiten und Stalagtiten, durch eine kann man mit einem Boot fahren, bei der anderen wurde der erste der DREISSIG Kilometer langen und somit zweitgrößten Höhle der Welt für Touristen schön ausgebaut und ist nun begehbar. Alles ist stimmungsvoll beleuchtet und wenn grad keine asiatischen Touristen schreiend durchlaufen, bekommt man für kurze Zeit das Gefühl als befände man sich grade in einer anderen Welt. Also Phong Nha ist eine absolute Empfehlung für jeden Vietnam-Reisenden! Trotzdem wurde es nach zwei Nächten wieder Zeit aufzubrechen, also wieder die Rucksäcke aufgeladen und zurück nach Dong Hoi um den Nachtbus nach Hanoi zu erwischen.


Hanoi, die Erste startete schon mal gut. Irgendwann während den letzten Minuten der Busfahrt stieg ein Mann zu, der allen erklärte, der Bus hält heute nicht im Old Quarter, aber es gibt einen gratis Minibus dorthin. Allen war es relativ gleichgültig, orientierungslos und noch im Halbschlaf wurden alle aus dem Bus geleitet und an einer Straße mit 10 wartenden und gewohnt aufdringlichen Taxifahrern abgestellt. Dort wurde uns erklärt, der Bus kommt in einer halben Stunde. Das war den meisten Touristen zu lange und schon saßen sie im Taxi. Als der zuständige „Vermittler“ sah, dass wir es ernst meinten mit dem Warten und kein überteuertes Taxi nehmen wollten, gab er Rudi den gutgemeinten Rat, dass wir doch einfach mal 200m um die Ecke gehen sollten, denn dort befand sich schließlich das Old Quarter! Ein wenig Beharrlichkeit schadet oft nicht, schon gar nicht in Hanoi.


Tja, was soll man sonst noch so über diese Stadt sagen. Es gibt nicht sehr viel zu tun dort, die Stadt besteht hauptsächlich aus zweistöckigen Häusern, wovon der erste Stock meistens als Geschäft, Restaurant, oder wenn ganz wenig Platz im Haus ist: als Lagerraum für das Bia Hoi. Bia Hoi ist maximal 10 Tage junges Bier aus dem Fass und das Ganze gibt es für nicht mal 20 Cent pro Glas. Die Straßen in Hanoi sind abends vollgestopft mit den kleinsten Plastikhockern die ihr euch vorstellen könnt und alle, Einheimische sowie Touristen, sitzen selig vor ihrem spottbilligen Bier vom Fass. Nachdem ich noch immer kaum einen Schluck dieses Gebräus runterbringe und Wein in Vietnam leider nicht auf der Straße zu finden ist, bin ich auf den süchtig machenden vietnamesischen Eiskaffee ausgewichen. Denn neben dem Bia Hoi zählt auch Ca Phe Sua Da zu den Spezialitäten Vietnams. Dieser Kaffee rinnt durch ein doppeltes Sieb und sickert ganz langsam Tropfen für Tropfen in das Glas. Dadurch wird der Kaffee richtig dickflüssig und sehr stark, das Ganze noch mit süßer Kondensmilch und haufenweise Eis, ergibt eines der besten Geschmackserlebnisse dieser Reise. Ma, jetzt so einen Kaffee…

Nach 3 Tagen Sightseeing-Pause in Hanoi ging es dann zur berühmten Halong-Bucht. Als jedoch wir am Morgen der Abreise fast bis zu den Knöcheln im Wasser standen, weil es so schüttete, bekamen wir leise Bedenken, ob die geplante Nacht am Boot denn nicht wortwörtlich ins Wasser fallen sollte. Aber nix da, wir haben ja bereits angezahlt und diesmal haben wir nicht das Billigste genommen – denn ein sogenanntes Partyboot mit mehr Ratten als Gästen an Board wollten wir uns ersparen, man hört ja so einiges. Und wir haben endlich mal eine richtig gute Entscheidung getroffen. Das Boot war top, schon fast ein wenig zu nobel für uns, das Essen ein Traum, das Wetter zumindest besser, die Halong-Bucht mit den riesigen aus dem Meer ragenden Felsbrocken, und die anderen 4 Gäste – zwei "Olgas" aus Moskau und ein Paar aus Deutschland – waren auch ganz witzig. Unser Reiseführer war zwar ein wenig verkatert, aber gewährte uns ein paar interessante Einblicke in den vietnamesischen Alltag. So lebt er mit 4 Familienmitgliedern in einer 20m²-Wohnung und alle schlafen in einem Bett und die Mopeds werden natürlich auch noch drinnen verstaut, er hat vor 3 Wochen geheiratet und seine Frau ist im 3. Monat schwanger, denn es muss zuerst sichergestellt werden, dass die Frau Kinder bekommen kann. Wie das genau funktioniert, wenn alle im selben Bett schlafen? Aber naja, er hat uns erklärt, in Vietnam brauchen die Menschen nur wenig Privatsphäre. Tja. Bevor es jedoch soweit kommt, dass aus zwei Menschen ein Paar wird, muss natürlich vorher abgeklärt werden, ob die beiden Tierkreiszeichen denn überhaupt zusammenpassen. Ein wenig skurril ist es schon, aber wie er selber sagte: „Naja… Tradition ist Tradition, und bevor meine Eltern wütend werden…“ Er erklärte uns auch, dass fast jeder Bursche 2 Mopeds hat. Warum, fragt ihr euch? Ein gutes um Mädchen zu beeindrucken und eines um durch den verrückten Verkehr zu kommen, ganz logisch.



Dass das Ganze mit den Beziehungen in Vietnam wirklich so kompliziert war, wollten wir irgendwie nicht so ganz glauben. Bis wir nach dem Ausflug in die Halong-Bucht nochmal einen Abstecher ins Grüne machten. In der sogenannten „trockenen Halong-Bucht“ in der Nähe von Ninh Binh lernten wir Tham kennen, die mit ihren 23 Jahren genug Mumm hatte ein eigenes Hotel zu führen, aber fürchterliche Angst vor der Sonne hatte und davor, dass sie keinen passenden Mann finden würde, bevor sie zu alt ist, denn ihre Freundinnen haben schon Babies und sind verheiratet. Nachdem wir ein paar Tage durch die Reisfelder gestromert sind und Tham nochmal gut zugeredet haben, stiegen wir in den Bus zurück nach Hanoi. Im Bus fingen wir mit einer jungen Frau mit Kind an zu reden. Phuong hatte ebenfalls eine Geschichte zu erzählen. Sie und ihr Mann sind geschieden, er wohnt in Saigon und sie wohnt mit ihrem Sohn bei ihrer (Ex-)Schwiegermutter. Zuerst benutzte sie Ausdrücke wie „ihr Mann sei kein guter Mann“ gewesen, und deshalb haben seine Eltern den Kontakt zu ihm abgebrochen. Die Geschichte begann typisch vietnamesisch. Die Tierkreiszeichen stimmten, schwanger, geheiratet, ein Sohn wurde geboren. Nur war Phuongs Exmann nicht wie andere „schlechte“ vietnamesische Männer, die gerne Reisschnaps und Bia Hoi trinken und Karaoke singen, sondern sie ertappte ihren Mann, als er in Begleitung in ein Hotel eincheckte – und zwar in männlicher Begleitung. Also ließen sie sich aufgrund unüberbrückbarer Differenzen scheiden, ihr Mann blieb Hairstylist in Saigon, sie ging nach Hanoi. Doch Phuong strebt nach mehr und nimmt die nächste Bürde auf sich. In zwei Monaten fliegt sie nach Japan und will sich dort ein besseres Leben aufbauen. Zuerst alleine und wenn alles klappt, soll in einem Jahr ihr Sohn nachkommen. Wir wünschen dieser beeindruckenden Persönlichkeit alles Gute – may all your wishes come true, dear Phuong!




Wieder zurück in Hanoi, verabschiedeten wir uns von Phuong und ihrem Sohn, tranken ein letztes Mal 
Ca Phe und Bia Hoi und genossen ein denkwürdiges Straßenbarbeque zum Abschied – nächster Stopp Bangkok, aber das erzählen wir euch das nächste Mal!

Bis bald!


Bilder:




Donnerstag, 27. März 2014

Unfassbares Indien...

Hier sind wir, am Ende unserer zwei Monate in Indien. Unsere Zeit in diesem Land war so facettenreich wie das Land selbst, daher ist es auch ziemlich schwierig die richtige Stimmung für diesen Blogeintrag zu finden. Denn es gab Tage, an denen waren wir so gut wie am Ende. Am Ende mit unserer Freude am Reisen, mit unserer Geduld und mit unseren Nerven. An diesen Tagen hätte ich vermutlich eiskalt mit Indien abgerechnet. Aber natürlich darf man auch nicht die Tage vergessen, an denen wir tief beeindruckt, entspannt und froh waren hier zu sein. Der Mensch ist schon ein kompliziertes Wesen, oft ist man so in seine negativen Gedanken verstrickt, dass man gar nicht mehr bemerkt, dass die Sachen über die man sich gerade ärgert eigentlich schon Tage oder gar Wochen zurückliegen und man das schöne, das gerade um einen herum passiert gar nicht mehr wahrnimmt.


Unsere Reise nach Indien begann gleich mal gut, nämlich mit 2 Stunden Flugverspätung dank schlechtem Wetter. Also saßen wir am Flughafen in Kathmandu, der bestimmt nicht für seinen Komfort berühmt ist, mit einer vierköpfigen indischen Familie auf einem verdreckten Sofa mit Platz für 2 Personen und spielten das Ratespiel: Welches der beiden kleinen Kinder neben uns hat die Windel voll? Danach ging es vom Sicherheitscheck in die Abflughalle, in der Bewegungsfreiheit ebenfalls ein Fremdwort war und schlussendlich in den Flieger. In dieser Abflughalle  bekamen wir schon mal einen kleinen Einblick was uns in etwa erwarten sollte. Menschenmassen, brütende Hitze und Chaos. Eines können wir gleich mal im Vorhinein abklären was man über Indien je gehört oder gesehen hat es ist wahr.


 

Ja, Indien ist eine Erfahrung. Im Prinzip ist uns nichts Schlimmes passiert. Wir wurden nicht ausgeraubt, aber halt immer wieder ein klein wenig übers Ohr gehauen. Wir wurden von den Riksha-Fahrern erpresst, wenn wir zu einem Zug oder Bus mussten. Wir wissen bis heute noch nicht ob wir bei unserer Rajasthan-Tour die Kommission für die beiden gezahlt haben, die uns im Restaurant in ein Gespräch verwickelt haben und nachher ganz zwanglos noch zum Reisebüro begleitet haben. Aber falls es so ist: Ihr habt euch das Geld redlich verdient, denn eure Masche hat gezogen! Wir waren genervt, wenn wir zum hundertsten Mal nach unserem Land gefragt wurden, weil die Leute an Karma glauben und daher den Touristen helfen wollten vor allem ihr Geld loszuwerden. Wir brauchten viele unserer Nerven auf um das wirre Zugsystem Indiens zu durchschauen. Wir waren in diesen zwei Monaten öfter krank als während unserer ganzen Reise durch Südamerika. Das zehrt natürlich an einem und beeinflusst, wie wir uns den Menschen gegenüber verhalten. Wir verloren nach und nach das Vertrauen in die Menschen und setzten schon bei jeder Begegnung voraus, dass diejenige Person etwas von uns möchte. Was uns das Ganze noch erschwerte, war, dass es oft schwierig war mit den normalen Leuten ins Gespräch zu kommen, da die oft kein Interesse oder kaum Englisch-Kenntnisse hatten.

Das Gute aber daran ist man kann immer wieder positiv überrascht werden! Zum Beispiel als wir zum ersten Mal aus dem Höllenschlund Delhi ausgebrochen sind zum Goldenen Tempel nach Amritsar. Ein Nachtzug hin und mit dem nächsten Nachtzug wieder zurück. Hört sich vielleicht an wie eine Schnapsidee. Aber diese kleine Ausfahrt ins Blaue brachte uns die erste gute Begegnung mit einem gebildeten Inder im Zug, einen tollen Einblick in die Sikh-Gemeinschaft und natürlich zu der überaus sehenswerten Tempelanlage mit einer Küche, die circa 220.000 Essen täglich ausgibt. Und zwar umsonst. Jeder kann in der Küche helfen, abwaschen, Gemüse schneiden, aufräumen, Besteck und Geschirr verteilen, wenn er will und es war toll anzusehen wie Männer mit langen Bärten und Turban am Boden sitzen und Knoblauch schneiden. Wir hatten die Gelegenheit, Gebete aus ihrem heiligsten Buch zu hören, der Tempelmusik zu lauschen und ein Mitglied der Sikhs setzte sich mit uns auf die Terrasse des Tempels und beantwortete geduldig unsere Fragen zu ihrer Religion. Ein bisschen von unserem verloren gegangenen Vertrauen wiedergefunden (dafür sind wir aber jeglichen Darminhalt losgeworden), machten wir uns wieder auf nach Delhi um von dort dann die zweifelhafte Rajasthan-Tour zu starten.




Unsere Reise nach Rajasthan führte uns mit unserem Fahrer Raj nach Agra Ranthambore Jaipur Pushkar Jodhpur Jaisalmer Ranakpur Udaipur.

Die Beschreibung der Sehenswürdigkeiten in den jeweiligen Städten erspare ich euch wunderschön   schaut euch die Bilder an!





Die Tour erwies sich trotz unserer Zweifel als gute Wahl, denn wir sahen viel, wirklich viel und mussten uns um nichts kümmern. Raj war ein einfacher, ehrlicher Kerl, der die Gewohnheiten der Inder selbst oft komisch fand, aber sich vieles ebenso wenig erklären konnte wie wir. Er fuhr wie ein typischer Inder, aber langsam genug, dass er noch sehen konnte, was sich draußen so tut. Er lachte über Babies auf Motorrädern, über Tiere, die über die Straße gingen, über Leute, die sich ständig vordrängten. Er sagte: In Indien will jeder immer der Erste sein, ich weiß nur nicht bei was. Er erklärte uns in seinem fragwürdigen Englisch mit Wörtern wie item, client, service, uniform seine Welt. Er betete zu seiner Tigergöttin als wir während der Tour krank wurden und gab mir den gut gemeinten Rat, ich solle bei einer 5-tägigen Erkältung mit 39 Grad Fieber 4 Eier mit viel black spicy essen, was wohl Pfeffer bedeuten sollte und alles wäre wieder gut. Er erweckte unsere Liebe zu Chai, schwarzem Tee mit Milch und viel, viel Zucker aufgekocht. Und obwohl er sich die Schuhe seines Sohnes ausleihen musste, weil er selbst keine annehmbaren hatte, verschenkte er seine Winterjacke an einen der Köche im Hotel, weil er ja eh zwei Jacken hatte. Er putzte jeden Tag den Wagen, aber für die Reparatur hatte er erst Geld als wir ihm sein Trinkgeld überreichten, das er breit grinsend in Empfang nahm. Er umsorgte uns wie seine Kinder und machte keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.


Was in diesem Land nicht selbstverständlich ist. Denn der Großteil der Frauen zeigt auch bei der größten Hitze weder Bein noch Schulter, manche hängen sich auch noch ein Tuch übers Gesicht um so den Blicken der Männer zu entgehen. Die Probleme zwischen Mann und Frau werden hier nicht behandelt; sie werden umgangen. Es gibt getrennte Warteschlangen an Schaltern, getrennte Zugwaggons, U-Bahnabteile. Das Verhalten am Strand ist nochmal ein Kapitel für sich. Die Männer sitzen in der Unterhose im Meer und ihre Frauen stehen in voller Montur am Strand. Wir haben keine einzige Inderin im Bikini oder zumindest im Badeanzug gesehen, dafür aber unzählige Inder, die dann mit ihrem Handy ganz unauffällig Fotos von Touristinnen in Bikinis gemacht haben oder sogar versuchen, diese unabsichtlich anzufassen. Man sieht kaum, dass Mann und Frau sich auf offener Straße berühren. Und wenn dann bei so viel Geheimnis, das um die Frauen gemacht wird, dann mal eine Touristin in normaler Kleidung vorbeiläuft, wird diese dann eben angestarrt. Bei Männern ist es jedoch üblich, dass sie sich an den Händen halten oder mit dem Arm auf der Schulter durch die Straßen schlendern. Generell: Männer untereinander verhalten sich oft wie Liebespaare daheim, was aber hier anscheinend ein Zeichen von Brüderlichkeit ausdrücken soll. Ungewöhnlich anzusehen, wenn zwei 50-jährige Männer in einem rockähnlichem Tuch Händchen haltend die Straße entlang gehen. Aber naja, hier ganz normal.


Was hier auch normal ist, was heißt, dass es fast von allen praktiziert wird, ist die Ellbogentechnik und das ruppige Verhalten zueinander. Vielleicht liegt es an der riesigen Population von 1,2 Milliarden Menschen, dass sich die Leute überall vordrängen und die Leute, die einen bedienen, unhöflich behandelt und niedergemacht werden. Vielleicht ist es eine Frage der Erziehung, dass weder andere Menschen noch die Umwelt respektiert und wahrscheinlich liegt es auch in unserer Erziehung, dass es uns jedes Mal sauer aufstößt, wenn sich schon kleine Kinder am Kiosk vor einen drängen, mit dem Geld winken und schreien: Give me chocolate! Oder wenn wieder jemand achtlos seinen Müll auf die Straße wirft; was oft passieren muss, wenn man sich die Berge von Müll ansieht in denen dann Kühe, Hunde, Ziegen und manchmal auch halb nackte Kinder umherstöbern.


Vielleicht war auch einmal Michael aus Bonn, den wir im Bus kennen lernten, eines solcher Kinder. Der 30-Jährige stammt aus Kalkutta, wurde aber als Baby von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Nun reist er für ein paar Monate durch Indien um seine Wurzeln zu entdecken und um ein Gefühl für das Land zu bekommen. Er besuchte das Waisenhaus aus dem er stammt, blieb einige Wochen in Kalkutta und fühlte sich trotz der immensen Unterschiede zu Deutschland nicht als Fremder. Es gibt eben tausend verschiedene Ansichtssachen ein Land oder eine Kultur zu erleben, kein Richtig oder Falsch. Wir erlebten Indien einfach so, wie wir es hier darstellen aber niemand soll davon abgehalten werden, sich seine eigene Meinung über dieses vielfältige Land zu bilden!

Trotz vieler Defizite in allem Möglichen, was für uns unvorstellbar erscheint, leidet Indien manchmal an Selbstüberschätzung. Wir wurden oft gefragt, wie uns Indien gefällt und wir wussten oft nicht was wir sagen sollten. Gefällt uns der Müll, der Gestank,? Gefällt es mir als Frau entweder angestarrt oder wie Luft behandelt zu werden? Wie die Leute miteinander und den Touristen umgehen? Gefällt uns, dass die Leute versuchen mit allen Mitteln an Geld zu gelangen? Was halten wir denn jetzt von Incredible India? Unglaublich ja, aber nicht immer im Positiven. Unsere Antwort (oder besser gesagt, Rudis Antwort, denn ich wurde selten gefragt) fiel je nach Konsens mehr oder weniger diplomatisch aus. Ein paar haben es vertragen bzw. verstanden und manche wiederum nicht. Denn im Fernsehen und auf Werbungen wird oft ein Bild vermittelt bei dem man sich als Nicht-Inder fragt, ob das wirklich deren Ernst sein soll. Denn in Bollywood gibt es keine verschleierten Frauen, keine Berührungsängste zwischen Mann und Frau, keinen Müll und natürlich sind alle Menschen so bleich wie der Durchschnittsösterreicher zwischen November und April. Mittelmäßige Universitäten rühmen sich mit Oxford Indiens, ein Ort mit 2 Schiffskanälen nennt sich Venedig des Ostens. Den westlichen Werten wird fleißig nachgeeifert, nur leider an den falschen Stellen. Fast jeder hat ein Handy, aber die Leute waschen sich, ihre Wäsche und ihr Geschirr im Fluss, in jeder noch so kleinen Bruchbude gibt es meist einen Fernseher, aber oft keine Toilette und Leute verrichten ihr Geschäft überall im Freien. Hier dominieren die Gegensätze. Schilder mit Keep your city clean die fast im Müll versinken, Plakate mit Regeln für den gepflegten Umgang in einer Menge anrempelnder Leute, I make you a good price, my friend für dich heute nur das Doppelte, in Chennai wohnen Leute in Zeltern auf dem versifftesten Strand unserer bisherigen Reise, eine Straße weiter gibts einen Lacoste-Shop.

 

Hm, hört sich doch fast an wie eine Abrechnung mit Indien, und das obwohl der letzte schlechte Tag schon sicher einige Wochen her ist. Aber kommen wir nun zu den schönen Seiten Indiens. Was wir im ersten Monat von Indien gesehen haben, war weder landschaftlich noch menschlich das Gelbe vom Ei. Sicher, es werden einem unvergleichliche Monumente aus alten Kulturen geboten, aber auf einer Reise wie unserer gehts nicht um Gebäude und ohne wirklichen Zugang zu den Menschen, bleibt es eine fremde Kultur.

Doch ab Mumbai gings dann endlich bergauf wenn auch weiter nach Süden. Mumbai präsentierte sich uns als moderne Stadt mit weltoffenen Menschen. Wir waren überrascht, und dieses Mal im positiven Sinne. Relativ sauber (in Indien ist alles relativ), breite Straßen mit Gehwegen, man hatte selten das Gefühl von der Meute und dem Verkehr erdrückt zu werden, gepflegte Gebäude, junge Paare, die sich gemeinsam den Sonnenuntergang über dem Meer anschauten. Außerdem ganz ungewohnt für uns: in drei Tagen hat nur einer versucht uns etwas anzudrehen!


Trotzdem es war Zeit für eine Verschnaufpause. Also ab nach Goa! Goa, einst als Hippieparadies bekannt, ist nun im Begriff das neue Lignano der Russen, Israelis und dank dem neuen Condor-Direktflug von München aus auch der Bayern und Österreicher zu werden. Wir machten uns auf den Weg nach Benaulim, wo es noch beschaulicher zugehen sollte. Die Mischung war kurios, russische Werbung auf indischen Beach-Shacks, Pensionisten, sonnenbadende Russinnen und natürlich fotografierende Inder, die sich rundherum scharten wie bei uns daheim Schaulustige um ein brennendes Haus. Und trotzdem war die Zeit am Meer sehr erholsam. Nach ein paar Tagen Strand machten wir wieder ein bisschen Kulturprogramm, denn jeder sagte: Ihr müsst nach Hampi! Eine fast schlaflose Nacht in einem rumpelnden Volvo Sleeper Bus später waren wir auch schon dort. Die Leute hatten Recht: Hampi muss man wirklich erlebt haben!

 


Wir haben schon einige Fotos gesehen, daher wussten wir schon in etwa was uns dort erwarten würde, doch trotzdem hat uns der Anblick der Steinhaufen, des Flusses, der sattgrünen Reisfelder, Bananenbäume und Kokospalmen fast umgehauen. Diese halb bewohnte, halb zerfallene Tempelstadt zieht ihre Besucher relativ leicht in den Bann. Nicht umsonst gibt es gefühlte hundert Yoga-Tempel und Ashrams für den Ansturm von Karma-Suchenden aus aller Welt.

Zum Thema Selbstüberschätzung müssen wir fairerweise noch einen außergewöhnlichen Landsmann erwähnen. Ein Klagenfurter, den wir im Bus nach Hampi getroffen haben und der uns mit stolz geschwellter Brust erklärt hat, dass er mit dem Gedanken spielt, im Mai den Mount Everest zu erklimmen, weil er halt motiviert sei. Als wir ihn daraufhin fragten, ob er denn irgendwelche Vorbereitungen dazu getroffen hat, antwortete er ganz lässig: Ja, ich bin Profitänzer, also mit der Ausdauer müsste das schon so passen. Nachdem wir ihm aber als alte Himalaya-Fexe erklärten, dass es im Mai dank der Wetterbedingungen unmöglich ist, den Everest zu besteigen und er außerdem gute 100.000 Dollar allein für die Trekkingerlaubnis + weiß Gott wie viel für die gesamte Expedition auslegen müsste, haben wir in ihm wahrscheinlich erste Zweifel gesät.

Mehr und mehr wird uns etwas klar: Indien gibt den Touristen was sie suchen. Wir wollten einen Einblick in die Kultur, das Leben und die Leute. Und wir sahen eben auf den Straßen, in den Holzklassezügen, auf den Märkten und an den Sehenswürdigkeiten wie es leibt und lebt, schön, vielfältig, interessant, bunt, pulsierend, aber halt auch dreckig, laut, überfüllt und korrupt. Touristen, die nach Indien kommen um in ein Ashram zu gehen und anschließend ein paar Tage an einem der wunderschönen Strände zu verbringen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ein anderes Indien erleben als wir. Keine Ahnung, ob denen jemals von einer alten Frau mit Nasenring absichtlich der Ellbogen in die Rippen gestoßen wird, ihnen jemand mit einem vermeintlich ehrlichen Grinsen ein Busticket verkauft, das eigentlich nur die Hälfte wert wäre und ob versucht wurde, ihnen eine kostenpflichtige Segnung mitsamt rotem Punkt auf der Stirn zu verkaufen. Diese Liste könnte noch viel länger sein, wir ersparen sie euch aber gern.

Vom Süden Indiens wurden wir dafür jedoch so richtig verwöhnt. Erstaunliche Landschaften, Ruhe, freundliche Leute, gutes Essen also so wie richtiger Urlaub sein sollte. Wem Meer, Strände, Palmen in Goa und Karnataka jemals zu langweilig oder zu heiß werden sollte, kann die kühlen, dunkelgrünen Teeberge in Munnar in den Western Ghats von Kerala und malerische Flusslandschaften in den Backwaters bestaunen. Besonders Munnar war für uns wie eine Oase. Die Spaziergänge durch die friedlichen Teeplantagen, Grün soweit das Auge reicht, frische Luft und angenehmes Klima. Das quirlige Städtchen mit seinem abendlichen Gottesdienst (Kerala ist großteils christlich) und die Orgelmusik, die man auch noch auf den Teebergen hört, schenkte uns ein paar ganz besondere Momente. Immer wieder mussten wir unsere Vorurteile und unsere bisherigen Erfahrungen neu aufrollen, denn nichts war so wie vorher.



Wir trafen weltoffene, gebildete Persönlichkeiten sowie Menschen, die nie eine Chance auf Bildung hatten; freundliche, hilfsbereite Leute und welche, die uns nur zu ihrem Vorteil ausnutzen wollten. Manche haben es geschickt angestellt und manche haben uns für völlig dumm erklärt und versuchten so manche seichte Masche. Wir entdeckten Kulturunterschiede, die uns schockierten oder amüsierten, aber immer zum Nachdenken brachten. Wir haben ALLES gegessen und jedes einzelne Essen war auf seine Weise einzigartig und lecker. Das meiste haben wir gut vertragen, manches so gar nicht. Wir sahen Menschen in teuren Autos und welche die mit ausgeliehenen Kindern betteln gingen. Oft verstanden wir die Welt nicht mehr. Wir haben einiges gelernt. Zum Beispiel wie man eine sechsspurige, voll befahrene Straße zur Rush Hour überquert. Dass Manche gar nichts und Manche alles besitzen. Dass der Mensch in seinem Überlebenskampf manchmal wie ein verzweifeltes Tier wirkt. Dass Kinder schnell erwachsen werden können, wenn sie müssen und das hat uns oft das Herz gebrochen. Dass es nicht viel braucht um glücklich zu sein und viele trotzdem zu wenig haben. Dass es uns daheim extrem gut geht und wir oft nichts davon haben, weil wir immer mehr wollen. Und dass die gelangweilten Genderbeauftragten gemeinsam mit den Feministinnen sich mal das Leben einer Durchschnittsinderin ansehen sollen und sich dann vielleicht nochmal fragen, ob ihre Energie nicht woanders besser aufgehoben wäre als bei der Österreichischen Bundeshymne.


In den zwei Monaten durchliefen wir die ganze Gefühlspalette von beschissen bis beeindruckt und wieder retour. Hinter uns liegt eine prägende Zeit, die wir nicht missen, aber so schnell nicht wiederholen wollen.

Incredible India!


Bilder: