Aus dem üblichen Takt, aber pünktlich zum Jubiläum: Genau
heute vor einem Jahr haben wir die Heimat verlassen. Aber hier auf Koh Phangan
schmecken die Weißwürste wie in München!
Von Indien oder genauer gesagt von Chennai nach Singapur
traf uns wieder einmal der Kulturschock – nur dieses Mal in die andere
Richtung. Denn nach insgesamt 3 Monaten in Nepal und Indien fühlten wir uns als
hätte uns der 2-Stunden-Flug von 1930 ins Jahr 2080 katapultiert. Nachdem wir
uns nun schon relativ „erfahren“ fühlen, was das Reisen und neue Länder
betrifft, war es wirklich schön, wenn einem wieder mal so richtig die Kinnlade
runterfällt. Denn der Kontrast zwischen Indien, bzw. ALLEM was wir bisher
gesehen haben und dieser Stadt der Superlative hätte nicht größer sein können.
Wir sind raus aus dem großzügigen, sauberen, ruhigen Changi-Airport in dessen
eigene U-Bahnstation, eine Angestellte hat uns unaufgefordert alles genauestens
und in bestem Englisch erklärt, hat uns dann noch angeboten, das Geld für den
Automaten zu wechseln und schon saßen wir in der blitzeblanken U-Bahn zwischen
den top gepflegten und in Edelmarken gekleideten Einheimischen, die alle
mucksmäuschenstill in ihr neuestes Smartphone von der Größe eines mittleren
Jausenbrettls starrten. Wir dachten an unsere letzte U-Bahnfahrt – nämlich die
in Delhi. Dort kamen wir uns noch überdurchschnittlich gut gekleidet, gepflegt
und halbwegs wohlhabend vor. Außerdem konnte man kaum atmen, kaum stehen oder
sich bewegen. Doch in Singapur sah auch unsere noch am besten erhaltene
Kleidung ziemlich schäbig aus, und vor allem unser gewohntes Reiseoutfit, eine
bequeme Kombination aus löchrig, abgetragen und fleckig, und dazu noch unsere
dreckigen Rucksäcke als Accessoires, konnten mit den hier gegebenen Standards nicht
so wirklich mithalten.
Und wie wir eine Zeit brauchten um uns an die indische
Kultur zu gewöhnen, dauerte es auch eine Weile sich wieder in das
zivilisiertere Leben einzufinden. Die ersten paar Tage waren wir fast sowas wie
Rowdies – wir liefen einfach über die Straßen, obwohl die Fahrer hier wieder
Verkehrsregeln und Zebrastreifen beachteten, wir irritierten die Passanten,
indem wir uns auf eine beliebige Seite der Rolltreppe stellten und drängelten
in der U-Bahn.
Der absurde Mix aus verschiedensten Religionen,
Wolkenkratzern, hochmodernen und riesigen Shoppingmalls, die alle eine eigene
U-Bahnstation besaßen, durchgestylten Parkanlagen, Kunst und die enorme Auswahl
an großartigem Essen legte uns einen straffen Zeitplan bis zu unserem nächsten
Flug nach Kambodscha vor.
Doch so modern und sicher Singapur auch ist, mit seiner
Offenheit gegenüber Religionen, mit seinen VIER Amtssprachen, irgendwie ist es
auch ziemlich verklemmt und mittelalterlich. Die Gesetzeslage ist streng und
auch ganz schön absurd. Hier das Kurioseste kurz zusammengefasst:
- · 3 bis 8 Schläge mit dem Rohrstock sowie eine hohe Geldstrafe, wenn einem nachgewiesen werden kann, dass man gelogen hat.
- · Kaugummi darf nur gegen Rezept und Vorlage des Personalausweises ausgegeben werden.
- · Hohe Geld- und Sozialarbeitsstrafen, wenn man Müll (auch Zigaretten) wegwirft. (ein Knüller nach Indien!)
- · Bei Essen und Trinken in der U-Bahn muss man bis zu 3000,00 EUR Strafe zahlen.
- · Man darf keine geruchsintensiven Lebensmittel in öffentlichen Verkehrsmitteln transportieren.
- · Wenn man Zigaretten aus anderen Ländern einführt, darf die Packung nicht mehr als 17 Stück enthalten.
- · Pressefreiheit existiert in Singapur nicht, die Regierung zensiert jedes Medium.
In den 5 Tagen verbrachten wir unsere Zeit in diversen
Nobelmalls, zwei Shoppingmalls (jeweils 3 oder mehrstöckig) nur für
Elektronikwaren (Rudis persönlicher Himmel auf Erden), dem größten Buchshop
Südostasiens, im IMAX-Kino, auf der künstlich angelegten Insel Sentosa mitsamt
Freizeitpark und Strand, im Kolonialviertel, in der riesigen Parkanlage Gardens
by the Bay, im gigantischen Hotel Marina Bay Sands, Chinatown und unzähligen
Essensständen – doch unser wichtigster Programmpunkt war mit Sicherheit die
Live-Übertragung des Rolling Stones-Konzertes vor dem Marina Bay Sands.
Nachdem
wir erst eine Woche zuvor entdeckten, dass die Stones genau während unseres
Aufenthaltes im Marina Bay Sands spielen und das Konzert sowieso 2 Stunden nach
der Beginn des Ticketverkaufes voll war, waren wir zunächst ein wenig betrübt –
aber als wir dann eine Woche darauf vor der riesigen HD-Leinwand vor der
großartigen Skyline Singapurs standen, freuten wir uns schon drauf. Die
frischen Fruchtsäfte, ein bisschen mit Rum aufgebessert, halfen natürlich auch.
Als dann aber die Stones vor dem Konzert in „Echt“ vor uns standen um auch den
finanziell „armen“ Fans viel Spaß zu wünschen, war die Stimmung perfekt.
Zumindest bei uns. Denn auch hier sah man den Unterschied zwischen den
Mentalitäten. Wir schüttelten uns gemeinsam mit einer 55-jährigen Italienerin
und einem Kolumbianer zu den ersehnten Klassikern bis wir schweißdurchtränkt
waren und die Einheimischen standen da und machten Videos mit ihren Tablets.
Singapur, eine beeindruckende Stadt voll mit modernen
Sehenswürdigkeiten, Technik, Kunst, Konsum, Luxus. Aber irgendwie auch ein
goldener Käfig mit immensem Druck auf die Arbeitnehmer, kurzlebigen Branchen
und eine „Zeig was du hast“-Einstellung, die einem das Leben trotz vieler
Annehmlichkeiten nicht gerade einfach macht. Doch wir wissen jetzt schon:
Singapur wird uns mit Sicherheit wiedersehen.
Mit einem „Bis Bald!“ verabschiedet, ging es weiter in die
Hauptstadt Kambodschas mit dem komplizierten Namen – Phnom Penh. Kaum hatten
wir uns ein bisschen an das komfortable, moderne Leben Singapurs gewöhnt,
wurden wir auch schon wieder einige Jahrzehnte zurückversetzt. Statt mit einer
U-Bahn, die ihre Stationen in 4 Sprachen ankündigt, tuckerten wir nach harten
Preisverhandlungen zu unseren Gunsten in einem kutschenähnlichen Mopedanhänger
vom Flughafen in die Stadt. Stockender Verkehr, lautes Hupen, Motorräder mit
voll ausgestattetem Grillwagen, die an einem vorbeirasen und gleichzeitig mit
der Grillzange das Fleisch umdrehen. Unser Fahrer fängt langsam an zu fragen:
„First time in Cambodia?“ Wir bejahen vorsichtig, denn diese Frage bedeutet
meistens mehr, aber zum Glück haben wir ja zwei Monate Indienerfahrung hinter
uns und außerdem ganz neu im Repertoire: ein Tablet, mit dem man die Strecke
überprüfen kann. Als wir dann bereits nach halber Strecke wieder im Stau steckten,
stieg er mit gespielt bedrückter Miene vom Moped ab und teilte uns oscar-reif
mit: „Ah, I forgot to tell – this price is per person.“ Aber wir stehen diesem
Kasperltheater eh in nichts mehr nach, griffen sofort nach unserem Gepäck und
sagten: „Ok, no problem, then we leave and you‘ll get nothing.“ Der Stau löste
sich auf und mit ihm auch das betrübte Gesicht unseres Fahrers, der es sich
dann plötzlich doch wieder überlegt hat und dann sagte: „Hahaha, you know me, I
was just joking.“ Mal so richtig herzhaft über seinen tollen „Witz“ gelacht,
gelangten wir schlussendlich doch noch mit ihm zu unserem Hostel. Am Ende hätte
er noch versucht uns beim Wechselgeld über den Tisch zu ziehen, aber das wars
dann auch schon. Im „Mad Monkey“ angekommen, ging das Affentheater auch schon
los. Die kambodschanischen Angestellten perfekt auf Kunden ansäuseln trainiert,
wurden wir mit Piepstimmen belagert bis uns die Ohren fast bluteten, die Barkeeper
kündigten bereits die ersten St.Patricks-Day-Angebote und die Partylöwen
wärmten sich schon für das intensive Umwerben der paarungswilligen Weibchen auf.
Ein lustiges Schauspiel!
Am ersten Morgenspaziergang durch die Stadt wurden wir
gleich einmal von einem gehörigen Kater begleitet. Doch auch durch den Dunst
der vorangegangenen Nacht waren wir von Phnom Penh wirklich positiv überrascht.
Eine saubere Innenstadt, schöne Anlagen, das Hostel war gut organisiert –
touristisch sehr bequem. Aber nicht nur Backpacker verirrten sich hierher.
Schon in unserem Hostel wurden Andeutungen gemacht, dass allein reisende Herren
nicht unbedingt wegen dem Angkor Wat nach Kambodscha kommen. Als wir so durch
die Stadt liefen sahen wir einige mehr oder weniger ergraute Männer durch die
Gegend ziehen. Oft allein und suchend, oder schon in Begleitung einer jungen
Kambodschanerin, die mindestens als Tochter, wenn nicht sogar als Enkeltochter
durchgehen könnte. Ein Tourismuszweig, der anscheinend auch in Kambodscha boomt!
Wir klapperten diverse Sehenswürdigkeiten in der Stadt ab,
den Citypalace mit der Silberpagoda, Parks, Statuen. Aber das Eindruckvollste
und auch Bedrückendste war Choeung Ek, oder auch die Killing Fields südlich von
Phnom Penh. Dazu ein bisschen Geschichte: Die Roten Khmer war eine
nationalistische Bewegung, die 1975 bis 1978 versuchten, Kambodscha gewaltvoll
zum Agrarkommunismus zu zwingen. Während dieser Zeit töteten sie ca. 2,2
Millionen Kambodschaner. Sie errichteten Arbeitslager und töteten fast die
gesamte intellektuelle Elite des Landes und deren Angehörige. In Kambodscha
gibt es rund 300 Killing Fields, allein in Choeung Ek wurden um die 17.000
Menschen mit Äxten, Eisenstangen und Bäumen erschlagen, denn Munition war zu
teuer. Heute bekommt jeder Besucher einen Audioguide, der einen durch das
Gelände führt. Man sieht Massengräber, den Baum, an dem die Kinder zerschlagen
wurden, den Gedächtnisstupa mit tausenden von menschlichen Schädeln und anderen
Knochen, verbunden mit dem toll gemachten Audioguide wird dieser Besuch zu
einer tränennahen Führung durch die unglaublich grausame und brutale
Vergangenheit Kambodschas. Noch Stunden danach waren wir kaum zu einem Wort
fähig. Anschließend machten wir uns immer noch sehr einsilbig auf den Weg zu
Tuol Sleng, dem ehemaligen Verhör- und Folterzentrum der Roten Khmer. Hier
bedrückten vor allem hunderte Fotos an den Wänden, denn jeder Gefangene der
Roten Khmer, wurde nach seiner Festnahme fotografiert und erfasst. Die
Gesichtsausdrücke der teils sehr jungen Menschen brennen sich einem in die
Netzhäute und wir verstummten aufs Neue.
Nach 3 Nächten in Phnom Penh führte uns der Weg zu unserer
letzten, großen (bisher bekannten) Sehenswürdigkeit, dem Angkor Wat in Siem
Reap. Siem Reap war vielleicht mal vor Jahrzehnten ein beschauliches Städtchen,
aber inzwischen ist es zur Touristenhochburg herangewachsen. Die Hotelstandards
sind unglaublich, und das zum Spottpreis. Wir hatten ein schickes, neues
Boutiquehotel mit unglaublichem Swimmingpool für stolze 9,00 USD pro Person
inklusive Frühstück. Aber nach Siem Reap kommt man nicht wegen des Pools, wegen
der hundert Bars und Kneipen, sondern vorwiegend wegen der weltgrößten
Tempelstadt, dem Angkor Wat. Da es tagsüber nur gute 35 Grad Celsius hatte,
haben wir uns für die sportliche Variante entschieden die antike Tempelanlage
zu erkunden. Am ersten Tag sind wir bei sengender Hitze 50km geradelt um die
Tempel um das Angkor Wat zu erkunden, und den zweiten Tag noch schlappe 30km.
Hört sich jetzt für die Radbegeisterten unter euch Lesern nicht so spektakulär
an – aber wir sind ja nicht nur um die Tempel herumgefahren, wir sind ja auch
auf jeden rauf- und rundherumgelaufen. Dafür wars danach im Pool umso
angenehmer und die Cocktails hatten wir uns auch redlich verdient!
Siem Reap
hielt aber noch eine zweite Sehenswürdigkeit für uns bereit – „die
Schnitzelwirtin“. Als wir Tripadvisor nach einem guten Lokal absuchten, ist uns
der Name natürlich sofort ins Auge gesprungen. Die Bewertungen waren ausschließlich
von Österreichern und Deutschen, die alle restlos begeistert waren. Und wie es
der Teufel so haben wollte, es ist Sonntag, wir waren wieder mal ein wenig
verkatert – was gibt es da Besseres als ein Schnitzel! Die Schnitzelwirtin
stellte sich als Wirt aus Niederösterreich heraus, der mit einer Thailänderin
verheiratet war. Auch die jahrelange Abwesenheit aus Österreich schmälerte
weder seinen derben Schmäh noch seine Leibesfülle. Außer uns befanden sich noch
ein paar Gäste aus Norddeutschland im Restaurant, die ihn höflich fragten,
wieso sein Lokal „Schnitzelwirtin“ hieß, wenn er doch ein Wirt war. Seine
Antwort fiel typisch österreichisch aus: „Is jo wurscht wias hoasst, hauptsoch
Leid keman!“ Wir fühlten uns für 2 Stunden wie daheim, spitzenmäßige Schnitzel
mit Erdäpfelsalat wie daheim, Bayern 3 im Radio und einem „gscherden“
Niederösterreicher, der auf jegliche Etikette verzichtet, aber uns dafür eine Portio
Heimat serviert hat.
Nachdem wir in Kambodscha das Pflichtprogramm erfüllt
hatten, wurde es auch schon Zeit für uns nach Vietnam zu eilen, weil dort schon
bald die ersten Gäste auf uns warteten. In Ho-Chi-Minh-City, ehemals Saigon
angekommen, fiel uns sofort das Unübersehbare auf. Motorroller soweit das Auge
reicht. Ein Fakt zur Veranschaulichung: In Saigon wohnen ca. 9 Millionen
Menschen und die bewegen sich auf 6 Millionen Rollern durch die Stadt. Doch
trotz aller Hektik und der schlechten Luft, irgendetwas hatte die Stadt an
sich, was uns gefiel. Der Park, in dem die Einheimischen abends tanzen oder
spielen gingen, die kleinen Märkte in den engen Gassen (auch wenn der Geruch
jedes Mal eine Herausforderung für mich darstellte), und die Leute, die an den
Straßenständen Tag für Tag ihre dampfende Pho bo (Nudelsuppe mit Rindfleisch)
frühstückten. Trotz aller Touristen mit der zugehörigen Infrastruktur wie
Hotels, Reisebüros, Massagen, Bars, internationale Restaurants, gibt es noch
ein authentisches Saigon mit ihren Frauen in Pyjamas, Reishüten, Märkten, das
sich irgendwie perfekt ergänzt und den Fremden somit einen guten Blick hinter
die Kulissen bietet.
Nach 2 Tagen bekamen wir den bereits angekündigten Besuch.
Rudis Eltern begleiteten uns für zwei Wochen durch den Süden Vietnams. Der
erste Ausbruch aus Saigon stellte die zweitägige Fahrt ins Mekong-Delta dar.
Nachdem wir uns durch unzählige Reisebüros durchgekämpft hatten, die
schlussendlich das Gleiche zu verschiedenen Preisen anboten, entschieden wir
uns für das preisliche Mittelfeld und hofften auf das Beste. Der erste Tag der
Tour erwies sich als, naja, nicht besonders spannend. Man wurde vom Bus aufs
Boot verladen, probierte dies und das und verließ natürlich nichts ohne nicht
vorher durch den Verkaufsraum gejagt worden zu sein. Der zweite Tag war
ereignisreicher, wir besuchten einen schwimmenden Markt und zu Mittag gab es
eine besondere Spezialität – Ratte vom Reisfeld. Unser Resümee: Voll wird man
davon wirklich nicht, aber andererseits – wer will das schon? Eine kleine
Flasche Reisschnaps zum Desinfizieren später, ging es dann wieder ab aufs Boot und
von dort wieder nach Saigon.
Wir steuerten unser nächstes Ziel an: Mui Ne.
Internet und Reiseführer preisen das kleine Fischerdorf am Meer mit einigen
Hotels und halbfertigen Ressorts als idyllischen kleinen Badeort mit viel
Charme an. Wir fanden leider ungepflegte Strände, aber zum Glück auch eine
gemütliche Unterkunft mit einem herrlichen Garten und Pool, interessante rote
und weiße Sanddünen und eine schöne Aussicht auf die bunten Fischerboote im
Hafen vor. Ein paar Busstunden später befanden wir uns in Nha Trang, wo wir
schlussendlich doch noch auf den erhofften schönen Strand trafen. Zwar ist die
Stadt überrannt mit Russen, hat aber durch die vielen Restaurants, guten Hotels
und die vorgelagerten Inseln doch auch einiges zu bieten.
Nach den anstrengenden
Busfahrten und Stadtrundgängen in der Hitze Südvietnams hat man sich ein paar
entspannende Tage am Meer und die dazugehörigen Abende auf der Dachterrasse mit
Bar im 15. Stock doch wirklich verdient. Die vierzehn Tage vergingen wie im
Flug und wir mussten wieder den Rückweg nach Saigon antreten. Dieses Mal
ersparten wir uns aber die lange Busfahrt und nahmen stattdessen den bequemeren
und deutlich kürzeren Luftweg. Wir erkannten in den zwei Wochen, dass uns schon
viele Dinge gar nicht mehr auffallen, weil sie in den letzten Monaten schon so
selbstverständlich für uns geworden sind, aber daheim in Österreich völlig
undenkbar wären. Sich Moped für Moped zu Fuß über die Straße hanteln, Leute,
die am Boden sitzen oder liegen, Standardausstattungen in Hotels, Hygiene in
Restaurants, bettelnde Menschen… In vielen Dingen gehen wir schon blind vor uns
hin, einfach weil wir es schon so gewohnt sind. Wahrscheinlich macht es uns in
einigen Angelegenheiten toleranter, vielleicht aber auch ein wenig abgebrühter und
härter.
Wir blieben noch einen Tag länger in Saigon um uns die Cu
Chi Tunnel, die selbstgegrabene und ausgeklügelte Wehranlage der Vietcong
außerhalb der Stadt, anzusehen. Unser Tourguide war Mister Binh, der eine
sonderbare Vergangenheit hinter sich hatte und deshalb vermutlich auch selbst ziemlich sonderbar war. Binh war ein vietnamesischer Veteran, der im
Vietnamkrieg jedoch für die amerikanische Seite kämpfte, da er dorthin
ausgewandert war. Aufgrund seiner Muttersprache wurde er Anführer eines Platoons,
der gegen den Vietcong eingesetzt wurde. Mr. Binh war eine schizophrene
Persönlichkeit, irgendwie zwischen Amerika und seinem Heimatland hin- und
hergerissen, die Schrecken und Grauen des Krieges noch immer nicht vergessen. Ich
hoffe, er wird irgendwann seinen Frieden mit der Vergangenheit finden.
Einen Tag nachdem wir uns von den ersten Gästen
verabschiedet haben, stiegen wir in den Nachtbus zurück nach Nha Trang um dort
von den nächsten Begleitern am nächsten Morgen zerrupft und zerdrückt in Empfang
genommen zu werden. Nun zogen wir mit Theresa und Klaus durch Nha Trangs Russen
verseuchte Straßen und spielten Billard bis uns die Finger bluteten. Ein
bisschen getrunken haben wir natürlich auch, denn so ein Wiedersehen muss
schließlich gebührend gefeiert werden. Nach zwei Abenden des Feierns und den
darauffolgenden verkaterten Morgenstunden am Strand, wurde es Zeit wieder
aufzubrechen.
Für uns ging es nach Hoi An, einem charmanten, alten Städtchen,
das touristisch vollständig aufgeputzt wurde. Teure Restaurants und Bars in der
restaurierten Altstadt, in jeder Häuserreihe mindestens 3 Schneidereien und
dazwischen noch ein bisschen Kultur in Form von Handwerksmuseen und
Versammlungshäusern. Wir haben zwar auf maßgeschneiderte Anzüge und Kleider
verzichtet, dafür haben wir unser Geld in die typischen Gerichte Hoi Ans
investiert. White Rose, Teigtaschen aus Reisnudeln mit gehackten Shrimps und
vorallem das deftige Cau Lao, das wie Nudeln mit Schweinsbraten schmeckte, eine
durchaus genießbare Kombination! Wir verbrachten einen Tag am Strand in Da Nang
und erkundeten eher „beim Vorbeifahren“ einen der wunderschönen Marmorberge mit
eindrucksvollen Höhlen und einem Buddhistenkloster. Wie schon so oft – man
erwartet nichts Besonderes und dann haut es einen fast von den Socken. Wir
radelten durch das ländliche Gebiet rund um die Stadt und genossen mal ein
wenig Frieden. Nach 4 Nächten in Hoi An haben wir aber auch schon wieder genug
gesehen. Mit der üblichen Ausstattung (Oropax und geklaute Schlafmaske aus dem
Flieger) rein in den nächsten Bus und ab
nach Hue.
Hue bezeichnet sich als ehemalige Kaiserstadt und wirbt
damit auch ganz eifrig. Doch Dank des Vietnamkrieges ist nicht mehr viel von
dieser Kaiserstadt zu sehen. Kaiserliche Zitadelle, purpurne Stadt,
Kaisergräber, Parfümfluss… Hört sich alles ein bisschen spektakulärer an, als
es in Realität war, aber naja, den Eintrittspreisen nach hätte es schon ein
bisschen mehr sein können.
Drei Nächte waren somit mehr als genug und wir wollten ein
bisschen Abstand von einer Kultur, die uns viel zu fremd ist, als dass wir uns in irgendeiner
Weise damit identifizieren könnten. Wir wollten etwas Beeindruckendes, wir
sehnten uns nach Natur und beides bekamen wir im Phong Nha Nationalpark, aber
dafür mussten wir zuerst ein bisschen kämpfen. Wir fuhren mit einer Tour nach
Dong Hoi, dem Ausgangspunkt für die Tagestouristen. Dort liehen wir uns ein
Moped aus und fuhren ganz nach asiatischer Art mit zwei riesigen Rucksäcken
bepackt über löchrige Straßen ins 30 km entfernte Phong Nha. Die Vietnamesen
sind wirklich Meister im Beladen von Mopeds, aber wie man an ihren Blicken
sehen konnte, waren sie dieses Schauspiel nicht von den Touristen gewohnt. Nach
einigen Duellen mit den Schlaglöchern kamen wir gut verschwitzt, halb verrenkt
und natürlich mit plattem Reifen im Pepperhouse Farmstay an.
Farmstay auf
Vietnamesisch sieht so aus: Ein Garten mit Obst und Gemüse, eine Familie bei
der man wohnt und eine Holzkiste mit Loch im Badezimmer sowie eine Schüssel mit
trockenen Reisschalen, die man nachher über sein Geschäft streut. Laut dem
australischem Hippie mit seiner vietnamesischen Frau, die diese Unterkunft
führten, fängt das Ganze nicht an zu stinken. Das ganze Bad roch zwar
scheußlich, aber naja, muss dann was anderes gewesen sein, den von den Fäkalien
von den 6 Leuten, die im Dorm schliefen, konnte es nun ja wirklich nicht sein!
Nichtsdestotrotz, der Aufenthalt dort war etwas, das wir wirklich wieder mal
brauchten, allein schon wegen der Reisfelder, der Karstberge, das Baden in den
türkisen Flüssen - und dabei wurde die Hauptattraktion noch gar nicht erwähnt.
Denn in Phong Nha und Umgebung gibt es riesige natürliche Höhlen mit unzähligen
Stalagmiten und Stalagtiten, durch eine kann man mit einem Boot fahren, bei der
anderen wurde der erste der DREISSIG Kilometer langen und somit zweitgrößten
Höhle der Welt für Touristen schön ausgebaut und ist nun begehbar. Alles ist
stimmungsvoll beleuchtet und wenn grad keine asiatischen Touristen schreiend
durchlaufen, bekommt man für kurze Zeit das Gefühl als befände man sich grade
in einer anderen Welt. Also Phong Nha ist eine absolute Empfehlung für jeden
Vietnam-Reisenden! Trotzdem wurde es nach zwei Nächten wieder Zeit
aufzubrechen, also wieder die Rucksäcke aufgeladen und zurück nach Dong Hoi um
den Nachtbus nach Hanoi zu erwischen.
Hanoi, die Erste startete schon mal gut. Irgendwann während
den letzten Minuten der Busfahrt stieg ein Mann zu, der allen erklärte, der Bus
hält heute nicht im Old Quarter, aber es gibt einen gratis Minibus dorthin.
Allen war es relativ gleichgültig, orientierungslos und noch im Halbschlaf
wurden alle aus dem Bus geleitet und an einer Straße mit 10 wartenden und
gewohnt aufdringlichen Taxifahrern abgestellt. Dort wurde uns erklärt, der Bus
kommt in einer halben Stunde. Das war den meisten Touristen zu lange und schon
saßen sie im Taxi. Als der zuständige „Vermittler“ sah, dass wir es ernst
meinten mit dem Warten und kein überteuertes Taxi nehmen wollten, gab er Rudi
den gutgemeinten Rat, dass wir doch einfach mal 200m um die Ecke gehen sollten,
denn dort befand sich schließlich das Old Quarter! Ein wenig Beharrlichkeit
schadet oft nicht, schon gar nicht in Hanoi.
Tja, was soll man sonst noch so über diese Stadt sagen. Es
gibt nicht sehr viel zu tun dort, die Stadt besteht hauptsächlich aus
zweistöckigen Häusern, wovon der erste Stock meistens als Geschäft, Restaurant,
oder wenn ganz wenig Platz im Haus ist: als Lagerraum für das Bia Hoi. Bia Hoi
ist maximal 10 Tage junges Bier aus dem Fass und das Ganze gibt es für nicht mal 20
Cent pro Glas. Die Straßen in Hanoi sind abends vollgestopft mit den kleinsten
Plastikhockern die ihr euch vorstellen könnt und alle, Einheimische sowie
Touristen, sitzen selig vor ihrem spottbilligen Bier vom Fass. Nachdem ich noch
immer kaum einen Schluck dieses Gebräus runterbringe und Wein in Vietnam leider
nicht auf der Straße zu finden ist, bin ich auf den süchtig machenden
vietnamesischen Eiskaffee ausgewichen. Denn neben dem Bia Hoi zählt auch Ca Phe
Sua Da zu den Spezialitäten Vietnams. Dieser Kaffee rinnt durch ein doppeltes
Sieb und sickert ganz langsam Tropfen für Tropfen in das Glas. Dadurch wird der
Kaffee richtig dickflüssig und sehr stark, das Ganze noch mit süßer
Kondensmilch und haufenweise Eis, ergibt eines der besten Geschmackserlebnisse
dieser Reise. Ma, jetzt so einen Kaffee…
Nach 3 Tagen Sightseeing-Pause in Hanoi ging es dann zur
berühmten Halong-Bucht. Als jedoch wir am Morgen der Abreise fast bis zu den Knöcheln
im Wasser standen, weil es so schüttete, bekamen wir leise Bedenken, ob die
geplante Nacht am Boot denn nicht wortwörtlich ins Wasser fallen sollte. Aber
nix da, wir haben ja bereits angezahlt und diesmal haben wir nicht das
Billigste genommen – denn ein sogenanntes Partyboot mit mehr Ratten als Gästen an
Board wollten wir uns ersparen, man hört ja so einiges. Und wir haben endlich
mal eine richtig gute Entscheidung getroffen. Das Boot war top, schon fast ein
wenig zu nobel für uns, das Essen ein Traum, das Wetter zumindest besser, die Halong-Bucht mit den riesigen aus dem Meer ragenden Felsbrocken, und
die anderen 4 Gäste – zwei "Olgas" aus Moskau und ein Paar aus Deutschland –
waren auch ganz witzig. Unser Reiseführer war zwar ein wenig verkatert, aber
gewährte uns ein paar interessante Einblicke in den vietnamesischen Alltag. So
lebt er mit 4 Familienmitgliedern in einer 20m²-Wohnung und alle schlafen in
einem Bett und die Mopeds werden natürlich auch noch drinnen verstaut, er hat
vor 3 Wochen geheiratet und seine Frau ist im 3. Monat schwanger, denn es muss
zuerst sichergestellt werden, dass die Frau Kinder bekommen kann. Wie das genau
funktioniert, wenn alle im selben Bett schlafen? Aber naja, er hat uns erklärt,
in Vietnam brauchen die Menschen nur wenig Privatsphäre. Tja. Bevor es jedoch
soweit kommt, dass aus zwei Menschen ein Paar wird, muss natürlich vorher
abgeklärt werden, ob die beiden Tierkreiszeichen denn überhaupt zusammenpassen.
Ein wenig skurril ist es schon, aber wie er selber sagte: „Naja… Tradition ist
Tradition, und bevor meine Eltern wütend werden…“ Er erklärte uns auch, dass
fast jeder Bursche 2 Mopeds hat. Warum, fragt ihr euch? Ein gutes um Mädchen zu
beeindrucken und eines um durch den verrückten Verkehr zu kommen, ganz logisch.
Dass das Ganze mit den Beziehungen in Vietnam wirklich so
kompliziert war, wollten wir irgendwie nicht so ganz glauben. Bis wir nach dem
Ausflug in die Halong-Bucht nochmal einen Abstecher ins Grüne machten. In der
sogenannten „trockenen Halong-Bucht“ in der Nähe von Ninh Binh lernten wir Tham
kennen, die mit ihren 23 Jahren genug Mumm hatte ein eigenes Hotel zu führen,
aber fürchterliche Angst vor der Sonne hatte und davor, dass sie keinen
passenden Mann finden würde, bevor sie zu alt ist, denn ihre Freundinnen haben
schon Babies und sind verheiratet. Nachdem wir ein paar Tage durch die
Reisfelder gestromert sind und Tham nochmal gut zugeredet haben, stiegen wir in
den Bus zurück nach Hanoi. Im Bus fingen wir mit einer jungen Frau mit Kind an
zu reden. Phuong hatte ebenfalls eine Geschichte zu erzählen. Sie und ihr
Mann sind geschieden, er wohnt in Saigon und sie wohnt mit ihrem Sohn bei
ihrer (Ex-)Schwiegermutter. Zuerst benutzte sie Ausdrücke wie „ihr Mann sei
kein guter Mann“ gewesen, und deshalb haben seine Eltern den Kontakt zu ihm abgebrochen.
Die Geschichte begann typisch vietnamesisch. Die Tierkreiszeichen stimmten,
schwanger, geheiratet, ein Sohn wurde geboren. Nur war Phuongs Exmann nicht wie
andere „schlechte“ vietnamesische Männer, die gerne Reisschnaps und Bia Hoi
trinken und Karaoke singen, sondern sie ertappte ihren Mann, als er in Begleitung
in ein Hotel eincheckte – und zwar in männlicher Begleitung. Also ließen sie
sich aufgrund unüberbrückbarer Differenzen scheiden, ihr Mann blieb Hairstylist
in Saigon, sie ging nach Hanoi. Doch Phuong strebt nach mehr und nimmt die
nächste Bürde auf sich. In zwei Monaten fliegt sie nach Japan und will sich
dort ein besseres Leben aufbauen. Zuerst alleine und wenn alles klappt, soll in
einem Jahr ihr Sohn nachkommen. Wir wünschen dieser beeindruckenden
Persönlichkeit alles Gute – may all your wishes come true, dear Phuong!
Wieder zurück in Hanoi, verabschiedeten wir uns von Phuong und ihrem Sohn, tranken ein letztes Mal
Ca Phe und Bia Hoi und genossen ein denkwürdiges Straßenbarbeque zum Abschied – nächster Stopp Bangkok, aber das erzählen wir euch
das nächste Mal!
Bis bald!














































