Donnerstag, 22. Mai 2014

Der Jubiläumspost - is jo wurscht wias hoasst, hauptsoch glesen wirds!

Aus dem üblichen Takt, aber pünktlich zum Jubiläum: Genau heute vor einem Jahr haben wir die Heimat verlassen. Aber hier auf Koh Phangan schmecken die Weißwürste wie in München!

Von Indien oder genauer gesagt von Chennai nach Singapur traf uns wieder einmal der Kulturschock – nur dieses Mal in die andere Richtung. Denn nach insgesamt 3 Monaten in Nepal und Indien fühlten wir uns als hätte uns der 2-Stunden-Flug von 1930 ins Jahr 2080 katapultiert. Nachdem wir uns nun schon relativ „erfahren“ fühlen, was das Reisen und neue Länder betrifft, war es wirklich schön, wenn einem wieder mal so richtig die Kinnlade runterfällt. Denn der Kontrast zwischen Indien, bzw. ALLEM was wir bisher gesehen haben und dieser Stadt der Superlative hätte nicht größer sein können. Wir sind raus aus dem großzügigen, sauberen, ruhigen Changi-Airport in dessen eigene U-Bahnstation, eine Angestellte hat uns unaufgefordert alles genauestens und in bestem Englisch erklärt, hat uns dann noch angeboten, das Geld für den Automaten zu wechseln und schon saßen wir in der blitzeblanken U-Bahn zwischen den top gepflegten und in Edelmarken gekleideten Einheimischen, die alle mucksmäuschenstill in ihr neuestes Smartphone von der Größe eines mittleren Jausenbrettls starrten. Wir dachten an unsere letzte U-Bahnfahrt – nämlich die in Delhi. Dort kamen wir uns noch überdurchschnittlich gut gekleidet, gepflegt und halbwegs wohlhabend vor. Außerdem konnte man kaum atmen, kaum stehen oder sich bewegen. Doch in Singapur sah auch unsere noch am besten erhaltene Kleidung ziemlich schäbig aus, und vor allem unser gewohntes Reiseoutfit, eine bequeme Kombination aus löchrig, abgetragen und fleckig, und dazu noch unsere dreckigen Rucksäcke als Accessoires, konnten mit den hier gegebenen Standards nicht so wirklich mithalten.

Und wie wir eine Zeit brauchten um uns an die indische Kultur zu gewöhnen, dauerte es auch eine Weile sich wieder in das zivilisiertere Leben einzufinden. Die ersten paar Tage waren wir fast sowas wie Rowdies – wir liefen einfach über die Straßen, obwohl die Fahrer hier wieder Verkehrsregeln und Zebrastreifen beachteten, wir irritierten die Passanten, indem wir uns auf eine beliebige Seite der Rolltreppe stellten und drängelten in der U-Bahn.

Der absurde Mix aus verschiedensten Religionen, Wolkenkratzern, hochmodernen und riesigen Shoppingmalls, die alle eine eigene U-Bahnstation besaßen, durchgestylten Parkanlagen, Kunst und die enorme Auswahl an großartigem Essen legte uns einen straffen Zeitplan bis zu unserem nächsten Flug nach Kambodscha vor.


Doch so modern und sicher Singapur auch ist, mit seiner Offenheit gegenüber Religionen, mit seinen VIER Amtssprachen, irgendwie ist es auch ziemlich verklemmt und mittelalterlich. Die Gesetzeslage ist streng und auch ganz schön absurd. Hier das Kurioseste kurz zusammengefasst:

  • ·         3 bis 8 Schläge mit dem Rohrstock sowie eine hohe Geldstrafe, wenn einem nachgewiesen werden kann, dass man gelogen hat.
  • ·         Kaugummi darf nur gegen Rezept und Vorlage des Personalausweises ausgegeben werden.
  • ·        Hohe Geld- und Sozialarbeitsstrafen, wenn man Müll (auch Zigaretten) wegwirft. (ein Knüller nach Indien!)
  • ·         Bei Essen und Trinken in der U-Bahn muss man bis zu 3000,00 EUR Strafe zahlen.
  • ·         Man darf keine geruchsintensiven Lebensmittel in öffentlichen Verkehrsmitteln transportieren.
  • ·         Wenn man Zigaretten aus anderen Ländern einführt, darf die Packung nicht mehr als 17 Stück enthalten.
  • ·         Pressefreiheit existiert in Singapur nicht, die Regierung zensiert jedes Medium.

In den 5 Tagen verbrachten wir unsere Zeit in diversen Nobelmalls, zwei Shoppingmalls (jeweils 3 oder mehrstöckig) nur für Elektronikwaren (Rudis persönlicher Himmel auf Erden), dem größten Buchshop Südostasiens, im IMAX-Kino, auf der künstlich angelegten Insel Sentosa mitsamt Freizeitpark und Strand, im Kolonialviertel, in der riesigen Parkanlage Gardens by the Bay, im gigantischen Hotel Marina Bay Sands, Chinatown und unzähligen Essensständen – doch unser wichtigster Programmpunkt war mit Sicherheit die Live-Übertragung des Rolling Stones-Konzertes vor dem Marina Bay Sands.


Nachdem wir erst eine Woche zuvor entdeckten, dass die Stones genau während unseres Aufenthaltes im Marina Bay Sands spielen und das Konzert sowieso 2 Stunden nach der Beginn des Ticketverkaufes voll war, waren wir zunächst ein wenig betrübt – aber als wir dann eine Woche darauf vor der riesigen HD-Leinwand vor der großartigen Skyline Singapurs standen, freuten wir uns schon drauf. Die frischen Fruchtsäfte, ein bisschen mit Rum aufgebessert, halfen natürlich auch. Als dann aber die Stones vor dem Konzert in „Echt“ vor uns standen um auch den finanziell „armen“ Fans viel Spaß zu wünschen, war die Stimmung perfekt. Zumindest bei uns. Denn auch hier sah man den Unterschied zwischen den Mentalitäten. Wir schüttelten uns gemeinsam mit einer 55-jährigen Italienerin und einem Kolumbianer zu den ersehnten Klassikern bis wir schweißdurchtränkt waren und die Einheimischen standen da und machten Videos mit ihren Tablets.


Singapur, eine beeindruckende Stadt voll mit modernen Sehenswürdigkeiten, Technik, Kunst, Konsum, Luxus. Aber irgendwie auch ein goldener Käfig mit immensem Druck auf die Arbeitnehmer, kurzlebigen Branchen und eine „Zeig was du hast“-Einstellung, die einem das Leben trotz vieler Annehmlichkeiten nicht gerade einfach macht. Doch wir wissen jetzt schon: Singapur wird uns mit Sicherheit wiedersehen.

Mit einem „Bis Bald!“ verabschiedet, ging es weiter in die Hauptstadt Kambodschas mit dem komplizierten Namen – Phnom Penh. Kaum hatten wir uns ein bisschen an das komfortable, moderne Leben Singapurs gewöhnt, wurden wir auch schon wieder einige Jahrzehnte zurückversetzt. Statt mit einer U-Bahn, die ihre Stationen in 4 Sprachen ankündigt, tuckerten wir nach harten Preisverhandlungen zu unseren Gunsten in einem kutschenähnlichen Mopedanhänger vom Flughafen in die Stadt. Stockender Verkehr, lautes Hupen, Motorräder mit voll ausgestattetem Grillwagen, die an einem vorbeirasen und gleichzeitig mit der Grillzange das Fleisch umdrehen. Unser Fahrer fängt langsam an zu fragen: „First time in Cambodia?“ Wir bejahen vorsichtig, denn diese Frage bedeutet meistens mehr, aber zum Glück haben wir ja zwei Monate Indienerfahrung hinter uns und außerdem ganz neu im Repertoire: ein Tablet, mit dem man die Strecke überprüfen kann. Als wir dann bereits nach halber Strecke wieder im Stau steckten, stieg er mit gespielt bedrückter Miene vom Moped ab und teilte uns oscar-reif mit: „Ah, I forgot to tell – this price is per person.“ Aber wir stehen diesem Kasperltheater eh in nichts mehr nach, griffen sofort nach unserem Gepäck und sagten: „Ok, no problem, then we leave and you‘ll get nothing.“ Der Stau löste sich auf und mit ihm auch das betrübte Gesicht unseres Fahrers, der es sich dann plötzlich doch wieder überlegt hat und dann sagte: „Hahaha, you know me, I was just joking.“ Mal so richtig herzhaft über seinen tollen „Witz“ gelacht, gelangten wir schlussendlich doch noch mit ihm zu unserem Hostel. Am Ende hätte er noch versucht uns beim Wechselgeld über den Tisch zu ziehen, aber das wars dann auch schon. Im „Mad Monkey“ angekommen, ging das Affentheater auch schon los. Die kambodschanischen Angestellten perfekt auf Kunden ansäuseln trainiert, wurden wir mit Piepstimmen belagert bis uns die Ohren fast bluteten, die Barkeeper kündigten bereits die ersten St.Patricks-Day-Angebote und die Partylöwen wärmten sich schon für das intensive Umwerben der paarungswilligen Weibchen auf. Ein lustiges Schauspiel!

Am ersten Morgenspaziergang durch die Stadt wurden wir gleich einmal von einem gehörigen Kater begleitet. Doch auch durch den Dunst der vorangegangenen Nacht waren wir von Phnom Penh wirklich positiv überrascht. Eine saubere Innenstadt, schöne Anlagen, das Hostel war gut organisiert – touristisch sehr bequem. Aber nicht nur Backpacker verirrten sich hierher. Schon in unserem Hostel wurden Andeutungen gemacht, dass allein reisende Herren nicht unbedingt wegen dem Angkor Wat nach Kambodscha kommen. Als wir so durch die Stadt liefen sahen wir einige mehr oder weniger ergraute Männer durch die Gegend ziehen. Oft allein und suchend, oder schon in Begleitung einer jungen Kambodschanerin, die mindestens als Tochter, wenn nicht sogar als Enkeltochter durchgehen könnte. Ein Tourismuszweig, der anscheinend auch in Kambodscha boomt!


Wir klapperten diverse Sehenswürdigkeiten in der Stadt ab, den Citypalace mit der Silberpagoda, Parks, Statuen. Aber das Eindruckvollste und auch Bedrückendste war Choeung Ek, oder auch die Killing Fields südlich von Phnom Penh. Dazu ein bisschen Geschichte: Die Roten Khmer war eine nationalistische Bewegung, die 1975 bis 1978 versuchten, Kambodscha gewaltvoll zum Agrarkommunismus zu zwingen. Während dieser Zeit töteten sie ca. 2,2 Millionen Kambodschaner. Sie errichteten Arbeitslager und töteten fast die gesamte intellektuelle Elite des Landes und deren Angehörige. In Kambodscha gibt es rund 300 Killing Fields, allein in Choeung Ek wurden um die 17.000 Menschen mit Äxten, Eisenstangen und Bäumen erschlagen, denn Munition war zu teuer. Heute bekommt jeder Besucher einen Audioguide, der einen durch das Gelände führt. Man sieht Massengräber, den Baum, an dem die Kinder zerschlagen wurden, den Gedächtnisstupa mit tausenden von menschlichen Schädeln und anderen Knochen, verbunden mit dem toll gemachten Audioguide wird dieser Besuch zu einer tränennahen Führung durch die unglaublich grausame und brutale Vergangenheit Kambodschas. Noch Stunden danach waren wir kaum zu einem Wort fähig. Anschließend machten wir uns immer noch sehr einsilbig auf den Weg zu Tuol Sleng, dem ehemaligen Verhör- und Folterzentrum der Roten Khmer. Hier bedrückten vor allem hunderte Fotos an den Wänden, denn jeder Gefangene der Roten Khmer, wurde nach seiner Festnahme fotografiert und erfasst. Die Gesichtsausdrücke der teils sehr jungen Menschen brennen sich einem in die Netzhäute und wir verstummten aufs Neue.


Nach 3 Nächten in Phnom Penh führte uns der Weg zu unserer letzten, großen (bisher bekannten) Sehenswürdigkeit, dem Angkor Wat in Siem Reap. Siem Reap war vielleicht mal vor Jahrzehnten ein beschauliches Städtchen, aber inzwischen ist es zur Touristenhochburg herangewachsen. Die Hotelstandards sind unglaublich, und das zum Spottpreis. Wir hatten ein schickes, neues Boutiquehotel mit unglaublichem Swimmingpool für stolze 9,00 USD pro Person inklusive Frühstück. Aber nach Siem Reap kommt man nicht wegen des Pools, wegen der hundert Bars und Kneipen, sondern vorwiegend wegen der weltgrößten Tempelstadt, dem Angkor Wat. Da es tagsüber nur gute 35 Grad Celsius hatte, haben wir uns für die sportliche Variante entschieden die antike Tempelanlage zu erkunden. Am ersten Tag sind wir bei sengender Hitze 50km geradelt um die Tempel um das Angkor Wat zu erkunden, und den zweiten Tag noch schlappe 30km. Hört sich jetzt für die Radbegeisterten unter euch Lesern nicht so spektakulär an – aber wir sind ja nicht nur um die Tempel herumgefahren, wir sind ja auch auf jeden rauf- und rundherumgelaufen. Dafür wars danach im Pool umso angenehmer und die Cocktails hatten wir uns auch redlich verdient! 



Siem Reap hielt aber noch eine zweite Sehenswürdigkeit für uns bereit – „die Schnitzelwirtin“. Als wir Tripadvisor nach einem guten Lokal absuchten, ist uns der Name natürlich sofort ins Auge gesprungen. Die Bewertungen waren ausschließlich von Österreichern und Deutschen, die alle restlos begeistert waren. Und wie es der Teufel so haben wollte, es ist Sonntag, wir waren wieder mal ein wenig verkatert – was gibt es da Besseres als ein Schnitzel! Die Schnitzelwirtin stellte sich als Wirt aus Niederösterreich heraus, der mit einer Thailänderin verheiratet war. Auch die jahrelange Abwesenheit aus Österreich schmälerte weder seinen derben Schmäh noch seine Leibesfülle. Außer uns befanden sich noch ein paar Gäste aus Norddeutschland im Restaurant, die ihn höflich fragten, wieso sein Lokal „Schnitzelwirtin“ hieß, wenn er doch ein Wirt war. Seine Antwort fiel typisch österreichisch aus: „Is jo wurscht wias hoasst, hauptsoch Leid keman!“ Wir fühlten uns für 2 Stunden wie daheim, spitzenmäßige Schnitzel mit Erdäpfelsalat wie daheim, Bayern 3 im Radio und einem „gscherden“ Niederösterreicher, der auf jegliche Etikette verzichtet, aber uns dafür eine Portio Heimat serviert hat.

Nachdem wir in Kambodscha das Pflichtprogramm erfüllt hatten, wurde es auch schon Zeit für uns nach Vietnam zu eilen, weil dort schon bald die ersten Gäste auf uns warteten. In Ho-Chi-Minh-City, ehemals Saigon angekommen, fiel uns sofort das Unübersehbare auf. Motorroller soweit das Auge reicht. Ein Fakt zur Veranschaulichung: In Saigon wohnen ca. 9 Millionen Menschen und die bewegen sich auf 6 Millionen Rollern durch die Stadt. Doch trotz aller Hektik und der schlechten Luft, irgendetwas hatte die Stadt an sich, was uns gefiel. Der Park, in dem die Einheimischen abends tanzen oder spielen gingen, die kleinen Märkte in den engen Gassen (auch wenn der Geruch jedes Mal eine Herausforderung für mich darstellte), und die Leute, die an den Straßenständen Tag für Tag ihre dampfende Pho bo (Nudelsuppe mit Rindfleisch) frühstückten. Trotz aller Touristen mit der zugehörigen Infrastruktur wie Hotels, Reisebüros, Massagen, Bars, internationale Restaurants, gibt es noch ein authentisches Saigon mit ihren Frauen in Pyjamas, Reishüten, Märkten, das sich irgendwie perfekt ergänzt und den Fremden somit einen guten Blick hinter die Kulissen bietet.

Nach 2 Tagen bekamen wir den bereits angekündigten Besuch. Rudis Eltern begleiteten uns für zwei Wochen durch den Süden Vietnams. Der erste Ausbruch aus Saigon stellte die zweitägige Fahrt ins Mekong-Delta dar. Nachdem wir uns durch unzählige Reisebüros durchgekämpft hatten, die schlussendlich das Gleiche zu verschiedenen Preisen anboten, entschieden wir uns für das preisliche Mittelfeld und hofften auf das Beste. Der erste Tag der Tour erwies sich als, naja, nicht besonders spannend. Man wurde vom Bus aufs Boot verladen, probierte dies und das und verließ natürlich nichts ohne nicht vorher durch den Verkaufsraum gejagt worden zu sein. Der zweite Tag war ereignisreicher, wir besuchten einen schwimmenden Markt und zu Mittag gab es eine besondere Spezialität – Ratte vom Reisfeld. Unser Resümee: Voll wird man davon wirklich nicht, aber andererseits – wer will das schon? Eine kleine Flasche Reisschnaps zum Desinfizieren später, ging es dann wieder ab aufs Boot und von dort wieder nach Saigon. 


Wir steuerten unser nächstes Ziel an: Mui Ne. Internet und Reiseführer preisen das kleine Fischerdorf am Meer mit einigen Hotels und halbfertigen Ressorts als idyllischen kleinen Badeort mit viel Charme an. Wir fanden leider ungepflegte Strände, aber zum Glück auch eine gemütliche Unterkunft mit einem herrlichen Garten und Pool, interessante rote und weiße Sanddünen und eine schöne Aussicht auf die bunten Fischerboote im Hafen vor. Ein paar Busstunden später befanden wir uns in Nha Trang, wo wir schlussendlich doch noch auf den erhofften schönen Strand trafen. Zwar ist die Stadt überrannt mit Russen, hat aber durch die vielen Restaurants, guten Hotels und die vorgelagerten Inseln doch auch einiges zu bieten.


Nach den anstrengenden Busfahrten und Stadtrundgängen in der Hitze Südvietnams hat man sich ein paar entspannende Tage am Meer und die dazugehörigen Abende auf der Dachterrasse mit Bar im 15. Stock doch wirklich verdient. Die vierzehn Tage vergingen wie im Flug und wir mussten wieder den Rückweg nach Saigon antreten. Dieses Mal ersparten wir uns aber die lange Busfahrt und nahmen stattdessen den bequemeren und deutlich kürzeren Luftweg. Wir erkannten in den zwei Wochen, dass uns schon viele Dinge gar nicht mehr auffallen, weil sie in den letzten Monaten schon so selbstverständlich für uns geworden sind, aber daheim in Österreich völlig undenkbar wären. Sich Moped für Moped zu Fuß über die Straße hanteln, Leute, die am Boden sitzen oder liegen, Standardausstattungen in Hotels, Hygiene in Restaurants, bettelnde Menschen… In vielen Dingen gehen wir schon blind vor uns hin, einfach weil wir es schon so gewohnt sind. Wahrscheinlich macht es uns in einigen Angelegenheiten toleranter, vielleicht aber auch ein wenig abgebrühter und härter.

Wir blieben noch einen Tag länger in Saigon um uns die Cu Chi Tunnel, die selbstgegrabene und ausgeklügelte Wehranlage der Vietcong außerhalb der Stadt, anzusehen. Unser Tourguide war Mister Binh, der eine sonderbare Vergangenheit hinter sich hatte und deshalb vermutlich auch selbst ziemlich sonderbar war. Binh war ein vietnamesischer Veteran, der im Vietnamkrieg jedoch für die amerikanische Seite kämpfte, da er dorthin ausgewandert war. Aufgrund seiner Muttersprache wurde er Anführer eines Platoons, der gegen den Vietcong eingesetzt wurde. Mr. Binh war eine schizophrene Persönlichkeit, irgendwie zwischen Amerika und seinem Heimatland hin- und hergerissen, die Schrecken und Grauen des Krieges noch immer nicht vergessen. Ich hoffe, er wird irgendwann seinen Frieden mit der Vergangenheit finden.


Einen Tag nachdem wir uns von den ersten Gästen verabschiedet haben, stiegen wir in den Nachtbus zurück nach Nha Trang um dort von den nächsten Begleitern am nächsten Morgen zerrupft und zerdrückt in Empfang genommen zu werden. Nun zogen wir mit Theresa und Klaus durch Nha Trangs Russen verseuchte Straßen und spielten Billard bis uns die Finger bluteten. Ein bisschen getrunken haben wir natürlich auch, denn so ein Wiedersehen muss schließlich gebührend gefeiert werden. Nach zwei Abenden des Feierns und den darauffolgenden verkaterten Morgenstunden am Strand, wurde es Zeit wieder aufzubrechen. 


Für uns ging es nach Hoi An, einem charmanten, alten Städtchen, das touristisch vollständig aufgeputzt wurde. Teure Restaurants und Bars in der restaurierten Altstadt, in jeder Häuserreihe mindestens 3 Schneidereien und dazwischen noch ein bisschen Kultur in Form von Handwerksmuseen und Versammlungshäusern. Wir haben zwar auf maßgeschneiderte Anzüge und Kleider verzichtet, dafür haben wir unser Geld in die typischen Gerichte Hoi Ans investiert. White Rose, Teigtaschen aus Reisnudeln mit gehackten Shrimps und vorallem das deftige Cau Lao, das wie Nudeln mit Schweinsbraten schmeckte, eine durchaus genießbare Kombination! Wir verbrachten einen Tag am Strand in Da Nang und erkundeten eher „beim Vorbeifahren“ einen der wunderschönen Marmorberge mit eindrucksvollen Höhlen und einem Buddhistenkloster. Wie schon so oft – man erwartet nichts Besonderes und dann haut es einen fast von den Socken. Wir radelten durch das ländliche Gebiet rund um die Stadt und genossen mal ein wenig Frieden. Nach 4 Nächten in Hoi An haben wir aber auch schon wieder genug gesehen. Mit der üblichen Ausstattung (Oropax und geklaute Schlafmaske aus dem Flieger) rein in den nächsten Bus  und ab nach Hue.



Hue bezeichnet sich als ehemalige Kaiserstadt und wirbt damit auch ganz eifrig. Doch Dank des Vietnamkrieges ist nicht mehr viel von dieser Kaiserstadt zu sehen. Kaiserliche Zitadelle, purpurne Stadt, Kaisergräber, Parfümfluss… Hört sich alles ein bisschen spektakulärer an, als es in Realität war, aber naja, den Eintrittspreisen nach hätte es schon ein bisschen mehr sein können.


Drei Nächte waren somit mehr als genug und wir wollten ein bisschen Abstand von einer Kultur, die uns viel zu fremd ist, als dass wir uns in irgendeiner Weise damit identifizieren könnten. Wir wollten etwas Beeindruckendes, wir sehnten uns nach Natur und beides bekamen wir im Phong Nha Nationalpark, aber dafür mussten wir zuerst ein bisschen kämpfen. Wir fuhren mit einer Tour nach Dong Hoi, dem Ausgangspunkt für die Tagestouristen. Dort liehen wir uns ein Moped aus und fuhren ganz nach asiatischer Art mit zwei riesigen Rucksäcken bepackt über löchrige Straßen ins 30 km entfernte Phong Nha. Die Vietnamesen sind wirklich Meister im Beladen von Mopeds, aber wie man an ihren Blicken sehen konnte, waren sie dieses Schauspiel nicht von den Touristen gewohnt. Nach einigen Duellen mit den Schlaglöchern kamen wir gut verschwitzt, halb verrenkt und natürlich mit plattem Reifen im Pepperhouse Farmstay an. 


Farmstay auf Vietnamesisch sieht so aus: Ein Garten mit Obst und Gemüse, eine Familie bei der man wohnt und eine Holzkiste mit Loch im Badezimmer sowie eine Schüssel mit trockenen Reisschalen, die man nachher über sein Geschäft streut. Laut dem australischem Hippie mit seiner vietnamesischen Frau, die diese Unterkunft führten, fängt das Ganze nicht an zu stinken. Das ganze Bad roch zwar scheußlich, aber naja, muss dann was anderes gewesen sein, den von den Fäkalien von den 6 Leuten, die im Dorm schliefen, konnte es nun ja wirklich nicht sein! Nichtsdestotrotz, der Aufenthalt dort war etwas, das wir wirklich wieder mal brauchten, allein schon wegen der Reisfelder, der Karstberge, das Baden in den türkisen Flüssen - und dabei wurde die Hauptattraktion noch gar nicht erwähnt. Denn in Phong Nha und Umgebung gibt es riesige natürliche Höhlen mit unzähligen Stalagmiten und Stalagtiten, durch eine kann man mit einem Boot fahren, bei der anderen wurde der erste der DREISSIG Kilometer langen und somit zweitgrößten Höhle der Welt für Touristen schön ausgebaut und ist nun begehbar. Alles ist stimmungsvoll beleuchtet und wenn grad keine asiatischen Touristen schreiend durchlaufen, bekommt man für kurze Zeit das Gefühl als befände man sich grade in einer anderen Welt. Also Phong Nha ist eine absolute Empfehlung für jeden Vietnam-Reisenden! Trotzdem wurde es nach zwei Nächten wieder Zeit aufzubrechen, also wieder die Rucksäcke aufgeladen und zurück nach Dong Hoi um den Nachtbus nach Hanoi zu erwischen.


Hanoi, die Erste startete schon mal gut. Irgendwann während den letzten Minuten der Busfahrt stieg ein Mann zu, der allen erklärte, der Bus hält heute nicht im Old Quarter, aber es gibt einen gratis Minibus dorthin. Allen war es relativ gleichgültig, orientierungslos und noch im Halbschlaf wurden alle aus dem Bus geleitet und an einer Straße mit 10 wartenden und gewohnt aufdringlichen Taxifahrern abgestellt. Dort wurde uns erklärt, der Bus kommt in einer halben Stunde. Das war den meisten Touristen zu lange und schon saßen sie im Taxi. Als der zuständige „Vermittler“ sah, dass wir es ernst meinten mit dem Warten und kein überteuertes Taxi nehmen wollten, gab er Rudi den gutgemeinten Rat, dass wir doch einfach mal 200m um die Ecke gehen sollten, denn dort befand sich schließlich das Old Quarter! Ein wenig Beharrlichkeit schadet oft nicht, schon gar nicht in Hanoi.


Tja, was soll man sonst noch so über diese Stadt sagen. Es gibt nicht sehr viel zu tun dort, die Stadt besteht hauptsächlich aus zweistöckigen Häusern, wovon der erste Stock meistens als Geschäft, Restaurant, oder wenn ganz wenig Platz im Haus ist: als Lagerraum für das Bia Hoi. Bia Hoi ist maximal 10 Tage junges Bier aus dem Fass und das Ganze gibt es für nicht mal 20 Cent pro Glas. Die Straßen in Hanoi sind abends vollgestopft mit den kleinsten Plastikhockern die ihr euch vorstellen könnt und alle, Einheimische sowie Touristen, sitzen selig vor ihrem spottbilligen Bier vom Fass. Nachdem ich noch immer kaum einen Schluck dieses Gebräus runterbringe und Wein in Vietnam leider nicht auf der Straße zu finden ist, bin ich auf den süchtig machenden vietnamesischen Eiskaffee ausgewichen. Denn neben dem Bia Hoi zählt auch Ca Phe Sua Da zu den Spezialitäten Vietnams. Dieser Kaffee rinnt durch ein doppeltes Sieb und sickert ganz langsam Tropfen für Tropfen in das Glas. Dadurch wird der Kaffee richtig dickflüssig und sehr stark, das Ganze noch mit süßer Kondensmilch und haufenweise Eis, ergibt eines der besten Geschmackserlebnisse dieser Reise. Ma, jetzt so einen Kaffee…

Nach 3 Tagen Sightseeing-Pause in Hanoi ging es dann zur berühmten Halong-Bucht. Als jedoch wir am Morgen der Abreise fast bis zu den Knöcheln im Wasser standen, weil es so schüttete, bekamen wir leise Bedenken, ob die geplante Nacht am Boot denn nicht wortwörtlich ins Wasser fallen sollte. Aber nix da, wir haben ja bereits angezahlt und diesmal haben wir nicht das Billigste genommen – denn ein sogenanntes Partyboot mit mehr Ratten als Gästen an Board wollten wir uns ersparen, man hört ja so einiges. Und wir haben endlich mal eine richtig gute Entscheidung getroffen. Das Boot war top, schon fast ein wenig zu nobel für uns, das Essen ein Traum, das Wetter zumindest besser, die Halong-Bucht mit den riesigen aus dem Meer ragenden Felsbrocken, und die anderen 4 Gäste – zwei "Olgas" aus Moskau und ein Paar aus Deutschland – waren auch ganz witzig. Unser Reiseführer war zwar ein wenig verkatert, aber gewährte uns ein paar interessante Einblicke in den vietnamesischen Alltag. So lebt er mit 4 Familienmitgliedern in einer 20m²-Wohnung und alle schlafen in einem Bett und die Mopeds werden natürlich auch noch drinnen verstaut, er hat vor 3 Wochen geheiratet und seine Frau ist im 3. Monat schwanger, denn es muss zuerst sichergestellt werden, dass die Frau Kinder bekommen kann. Wie das genau funktioniert, wenn alle im selben Bett schlafen? Aber naja, er hat uns erklärt, in Vietnam brauchen die Menschen nur wenig Privatsphäre. Tja. Bevor es jedoch soweit kommt, dass aus zwei Menschen ein Paar wird, muss natürlich vorher abgeklärt werden, ob die beiden Tierkreiszeichen denn überhaupt zusammenpassen. Ein wenig skurril ist es schon, aber wie er selber sagte: „Naja… Tradition ist Tradition, und bevor meine Eltern wütend werden…“ Er erklärte uns auch, dass fast jeder Bursche 2 Mopeds hat. Warum, fragt ihr euch? Ein gutes um Mädchen zu beeindrucken und eines um durch den verrückten Verkehr zu kommen, ganz logisch.



Dass das Ganze mit den Beziehungen in Vietnam wirklich so kompliziert war, wollten wir irgendwie nicht so ganz glauben. Bis wir nach dem Ausflug in die Halong-Bucht nochmal einen Abstecher ins Grüne machten. In der sogenannten „trockenen Halong-Bucht“ in der Nähe von Ninh Binh lernten wir Tham kennen, die mit ihren 23 Jahren genug Mumm hatte ein eigenes Hotel zu führen, aber fürchterliche Angst vor der Sonne hatte und davor, dass sie keinen passenden Mann finden würde, bevor sie zu alt ist, denn ihre Freundinnen haben schon Babies und sind verheiratet. Nachdem wir ein paar Tage durch die Reisfelder gestromert sind und Tham nochmal gut zugeredet haben, stiegen wir in den Bus zurück nach Hanoi. Im Bus fingen wir mit einer jungen Frau mit Kind an zu reden. Phuong hatte ebenfalls eine Geschichte zu erzählen. Sie und ihr Mann sind geschieden, er wohnt in Saigon und sie wohnt mit ihrem Sohn bei ihrer (Ex-)Schwiegermutter. Zuerst benutzte sie Ausdrücke wie „ihr Mann sei kein guter Mann“ gewesen, und deshalb haben seine Eltern den Kontakt zu ihm abgebrochen. Die Geschichte begann typisch vietnamesisch. Die Tierkreiszeichen stimmten, schwanger, geheiratet, ein Sohn wurde geboren. Nur war Phuongs Exmann nicht wie andere „schlechte“ vietnamesische Männer, die gerne Reisschnaps und Bia Hoi trinken und Karaoke singen, sondern sie ertappte ihren Mann, als er in Begleitung in ein Hotel eincheckte – und zwar in männlicher Begleitung. Also ließen sie sich aufgrund unüberbrückbarer Differenzen scheiden, ihr Mann blieb Hairstylist in Saigon, sie ging nach Hanoi. Doch Phuong strebt nach mehr und nimmt die nächste Bürde auf sich. In zwei Monaten fliegt sie nach Japan und will sich dort ein besseres Leben aufbauen. Zuerst alleine und wenn alles klappt, soll in einem Jahr ihr Sohn nachkommen. Wir wünschen dieser beeindruckenden Persönlichkeit alles Gute – may all your wishes come true, dear Phuong!




Wieder zurück in Hanoi, verabschiedeten wir uns von Phuong und ihrem Sohn, tranken ein letztes Mal 
Ca Phe und Bia Hoi und genossen ein denkwürdiges Straßenbarbeque zum Abschied – nächster Stopp Bangkok, aber das erzählen wir euch das nächste Mal!

Bis bald!


Bilder:




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