Donnerstag, 27. März 2014

Unfassbares Indien...

Hier sind wir, am Ende unserer zwei Monate in Indien. Unsere Zeit in diesem Land war so facettenreich wie das Land selbst, daher ist es auch ziemlich schwierig die richtige Stimmung für diesen Blogeintrag zu finden. Denn es gab Tage, an denen waren wir so gut wie am Ende. Am Ende mit unserer Freude am Reisen, mit unserer Geduld und mit unseren Nerven. An diesen Tagen hätte ich vermutlich eiskalt mit Indien abgerechnet. Aber natürlich darf man auch nicht die Tage vergessen, an denen wir tief beeindruckt, entspannt und froh waren hier zu sein. Der Mensch ist schon ein kompliziertes Wesen, oft ist man so in seine negativen Gedanken verstrickt, dass man gar nicht mehr bemerkt, dass die Sachen über die man sich gerade ärgert eigentlich schon Tage oder gar Wochen zurückliegen und man das schöne, das gerade um einen herum passiert gar nicht mehr wahrnimmt.


Unsere Reise nach Indien begann gleich mal gut, nämlich mit 2 Stunden Flugverspätung dank schlechtem Wetter. Also saßen wir am Flughafen in Kathmandu, der bestimmt nicht für seinen Komfort berühmt ist, mit einer vierköpfigen indischen Familie auf einem verdreckten Sofa mit Platz für 2 Personen und spielten das Ratespiel: Welches der beiden kleinen Kinder neben uns hat die Windel voll? Danach ging es vom Sicherheitscheck in die Abflughalle, in der Bewegungsfreiheit ebenfalls ein Fremdwort war und schlussendlich in den Flieger. In dieser Abflughalle  bekamen wir schon mal einen kleinen Einblick was uns in etwa erwarten sollte. Menschenmassen, brütende Hitze und Chaos. Eines können wir gleich mal im Vorhinein abklären was man über Indien je gehört oder gesehen hat es ist wahr.


 

Ja, Indien ist eine Erfahrung. Im Prinzip ist uns nichts Schlimmes passiert. Wir wurden nicht ausgeraubt, aber halt immer wieder ein klein wenig übers Ohr gehauen. Wir wurden von den Riksha-Fahrern erpresst, wenn wir zu einem Zug oder Bus mussten. Wir wissen bis heute noch nicht ob wir bei unserer Rajasthan-Tour die Kommission für die beiden gezahlt haben, die uns im Restaurant in ein Gespräch verwickelt haben und nachher ganz zwanglos noch zum Reisebüro begleitet haben. Aber falls es so ist: Ihr habt euch das Geld redlich verdient, denn eure Masche hat gezogen! Wir waren genervt, wenn wir zum hundertsten Mal nach unserem Land gefragt wurden, weil die Leute an Karma glauben und daher den Touristen helfen wollten vor allem ihr Geld loszuwerden. Wir brauchten viele unserer Nerven auf um das wirre Zugsystem Indiens zu durchschauen. Wir waren in diesen zwei Monaten öfter krank als während unserer ganzen Reise durch Südamerika. Das zehrt natürlich an einem und beeinflusst, wie wir uns den Menschen gegenüber verhalten. Wir verloren nach und nach das Vertrauen in die Menschen und setzten schon bei jeder Begegnung voraus, dass diejenige Person etwas von uns möchte. Was uns das Ganze noch erschwerte, war, dass es oft schwierig war mit den normalen Leuten ins Gespräch zu kommen, da die oft kein Interesse oder kaum Englisch-Kenntnisse hatten.

Das Gute aber daran ist man kann immer wieder positiv überrascht werden! Zum Beispiel als wir zum ersten Mal aus dem Höllenschlund Delhi ausgebrochen sind zum Goldenen Tempel nach Amritsar. Ein Nachtzug hin und mit dem nächsten Nachtzug wieder zurück. Hört sich vielleicht an wie eine Schnapsidee. Aber diese kleine Ausfahrt ins Blaue brachte uns die erste gute Begegnung mit einem gebildeten Inder im Zug, einen tollen Einblick in die Sikh-Gemeinschaft und natürlich zu der überaus sehenswerten Tempelanlage mit einer Küche, die circa 220.000 Essen täglich ausgibt. Und zwar umsonst. Jeder kann in der Küche helfen, abwaschen, Gemüse schneiden, aufräumen, Besteck und Geschirr verteilen, wenn er will und es war toll anzusehen wie Männer mit langen Bärten und Turban am Boden sitzen und Knoblauch schneiden. Wir hatten die Gelegenheit, Gebete aus ihrem heiligsten Buch zu hören, der Tempelmusik zu lauschen und ein Mitglied der Sikhs setzte sich mit uns auf die Terrasse des Tempels und beantwortete geduldig unsere Fragen zu ihrer Religion. Ein bisschen von unserem verloren gegangenen Vertrauen wiedergefunden (dafür sind wir aber jeglichen Darminhalt losgeworden), machten wir uns wieder auf nach Delhi um von dort dann die zweifelhafte Rajasthan-Tour zu starten.




Unsere Reise nach Rajasthan führte uns mit unserem Fahrer Raj nach Agra Ranthambore Jaipur Pushkar Jodhpur Jaisalmer Ranakpur Udaipur.

Die Beschreibung der Sehenswürdigkeiten in den jeweiligen Städten erspare ich euch wunderschön   schaut euch die Bilder an!





Die Tour erwies sich trotz unserer Zweifel als gute Wahl, denn wir sahen viel, wirklich viel und mussten uns um nichts kümmern. Raj war ein einfacher, ehrlicher Kerl, der die Gewohnheiten der Inder selbst oft komisch fand, aber sich vieles ebenso wenig erklären konnte wie wir. Er fuhr wie ein typischer Inder, aber langsam genug, dass er noch sehen konnte, was sich draußen so tut. Er lachte über Babies auf Motorrädern, über Tiere, die über die Straße gingen, über Leute, die sich ständig vordrängten. Er sagte: In Indien will jeder immer der Erste sein, ich weiß nur nicht bei was. Er erklärte uns in seinem fragwürdigen Englisch mit Wörtern wie item, client, service, uniform seine Welt. Er betete zu seiner Tigergöttin als wir während der Tour krank wurden und gab mir den gut gemeinten Rat, ich solle bei einer 5-tägigen Erkältung mit 39 Grad Fieber 4 Eier mit viel black spicy essen, was wohl Pfeffer bedeuten sollte und alles wäre wieder gut. Er erweckte unsere Liebe zu Chai, schwarzem Tee mit Milch und viel, viel Zucker aufgekocht. Und obwohl er sich die Schuhe seines Sohnes ausleihen musste, weil er selbst keine annehmbaren hatte, verschenkte er seine Winterjacke an einen der Köche im Hotel, weil er ja eh zwei Jacken hatte. Er putzte jeden Tag den Wagen, aber für die Reparatur hatte er erst Geld als wir ihm sein Trinkgeld überreichten, das er breit grinsend in Empfang nahm. Er umsorgte uns wie seine Kinder und machte keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.


Was in diesem Land nicht selbstverständlich ist. Denn der Großteil der Frauen zeigt auch bei der größten Hitze weder Bein noch Schulter, manche hängen sich auch noch ein Tuch übers Gesicht um so den Blicken der Männer zu entgehen. Die Probleme zwischen Mann und Frau werden hier nicht behandelt; sie werden umgangen. Es gibt getrennte Warteschlangen an Schaltern, getrennte Zugwaggons, U-Bahnabteile. Das Verhalten am Strand ist nochmal ein Kapitel für sich. Die Männer sitzen in der Unterhose im Meer und ihre Frauen stehen in voller Montur am Strand. Wir haben keine einzige Inderin im Bikini oder zumindest im Badeanzug gesehen, dafür aber unzählige Inder, die dann mit ihrem Handy ganz unauffällig Fotos von Touristinnen in Bikinis gemacht haben oder sogar versuchen, diese unabsichtlich anzufassen. Man sieht kaum, dass Mann und Frau sich auf offener Straße berühren. Und wenn dann bei so viel Geheimnis, das um die Frauen gemacht wird, dann mal eine Touristin in normaler Kleidung vorbeiläuft, wird diese dann eben angestarrt. Bei Männern ist es jedoch üblich, dass sie sich an den Händen halten oder mit dem Arm auf der Schulter durch die Straßen schlendern. Generell: Männer untereinander verhalten sich oft wie Liebespaare daheim, was aber hier anscheinend ein Zeichen von Brüderlichkeit ausdrücken soll. Ungewöhnlich anzusehen, wenn zwei 50-jährige Männer in einem rockähnlichem Tuch Händchen haltend die Straße entlang gehen. Aber naja, hier ganz normal.


Was hier auch normal ist, was heißt, dass es fast von allen praktiziert wird, ist die Ellbogentechnik und das ruppige Verhalten zueinander. Vielleicht liegt es an der riesigen Population von 1,2 Milliarden Menschen, dass sich die Leute überall vordrängen und die Leute, die einen bedienen, unhöflich behandelt und niedergemacht werden. Vielleicht ist es eine Frage der Erziehung, dass weder andere Menschen noch die Umwelt respektiert und wahrscheinlich liegt es auch in unserer Erziehung, dass es uns jedes Mal sauer aufstößt, wenn sich schon kleine Kinder am Kiosk vor einen drängen, mit dem Geld winken und schreien: Give me chocolate! Oder wenn wieder jemand achtlos seinen Müll auf die Straße wirft; was oft passieren muss, wenn man sich die Berge von Müll ansieht in denen dann Kühe, Hunde, Ziegen und manchmal auch halb nackte Kinder umherstöbern.


Vielleicht war auch einmal Michael aus Bonn, den wir im Bus kennen lernten, eines solcher Kinder. Der 30-Jährige stammt aus Kalkutta, wurde aber als Baby von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Nun reist er für ein paar Monate durch Indien um seine Wurzeln zu entdecken und um ein Gefühl für das Land zu bekommen. Er besuchte das Waisenhaus aus dem er stammt, blieb einige Wochen in Kalkutta und fühlte sich trotz der immensen Unterschiede zu Deutschland nicht als Fremder. Es gibt eben tausend verschiedene Ansichtssachen ein Land oder eine Kultur zu erleben, kein Richtig oder Falsch. Wir erlebten Indien einfach so, wie wir es hier darstellen aber niemand soll davon abgehalten werden, sich seine eigene Meinung über dieses vielfältige Land zu bilden!

Trotz vieler Defizite in allem Möglichen, was für uns unvorstellbar erscheint, leidet Indien manchmal an Selbstüberschätzung. Wir wurden oft gefragt, wie uns Indien gefällt und wir wussten oft nicht was wir sagen sollten. Gefällt uns der Müll, der Gestank,? Gefällt es mir als Frau entweder angestarrt oder wie Luft behandelt zu werden? Wie die Leute miteinander und den Touristen umgehen? Gefällt uns, dass die Leute versuchen mit allen Mitteln an Geld zu gelangen? Was halten wir denn jetzt von Incredible India? Unglaublich ja, aber nicht immer im Positiven. Unsere Antwort (oder besser gesagt, Rudis Antwort, denn ich wurde selten gefragt) fiel je nach Konsens mehr oder weniger diplomatisch aus. Ein paar haben es vertragen bzw. verstanden und manche wiederum nicht. Denn im Fernsehen und auf Werbungen wird oft ein Bild vermittelt bei dem man sich als Nicht-Inder fragt, ob das wirklich deren Ernst sein soll. Denn in Bollywood gibt es keine verschleierten Frauen, keine Berührungsängste zwischen Mann und Frau, keinen Müll und natürlich sind alle Menschen so bleich wie der Durchschnittsösterreicher zwischen November und April. Mittelmäßige Universitäten rühmen sich mit Oxford Indiens, ein Ort mit 2 Schiffskanälen nennt sich Venedig des Ostens. Den westlichen Werten wird fleißig nachgeeifert, nur leider an den falschen Stellen. Fast jeder hat ein Handy, aber die Leute waschen sich, ihre Wäsche und ihr Geschirr im Fluss, in jeder noch so kleinen Bruchbude gibt es meist einen Fernseher, aber oft keine Toilette und Leute verrichten ihr Geschäft überall im Freien. Hier dominieren die Gegensätze. Schilder mit Keep your city clean die fast im Müll versinken, Plakate mit Regeln für den gepflegten Umgang in einer Menge anrempelnder Leute, I make you a good price, my friend für dich heute nur das Doppelte, in Chennai wohnen Leute in Zeltern auf dem versifftesten Strand unserer bisherigen Reise, eine Straße weiter gibts einen Lacoste-Shop.

 

Hm, hört sich doch fast an wie eine Abrechnung mit Indien, und das obwohl der letzte schlechte Tag schon sicher einige Wochen her ist. Aber kommen wir nun zu den schönen Seiten Indiens. Was wir im ersten Monat von Indien gesehen haben, war weder landschaftlich noch menschlich das Gelbe vom Ei. Sicher, es werden einem unvergleichliche Monumente aus alten Kulturen geboten, aber auf einer Reise wie unserer gehts nicht um Gebäude und ohne wirklichen Zugang zu den Menschen, bleibt es eine fremde Kultur.

Doch ab Mumbai gings dann endlich bergauf wenn auch weiter nach Süden. Mumbai präsentierte sich uns als moderne Stadt mit weltoffenen Menschen. Wir waren überrascht, und dieses Mal im positiven Sinne. Relativ sauber (in Indien ist alles relativ), breite Straßen mit Gehwegen, man hatte selten das Gefühl von der Meute und dem Verkehr erdrückt zu werden, gepflegte Gebäude, junge Paare, die sich gemeinsam den Sonnenuntergang über dem Meer anschauten. Außerdem ganz ungewohnt für uns: in drei Tagen hat nur einer versucht uns etwas anzudrehen!


Trotzdem es war Zeit für eine Verschnaufpause. Also ab nach Goa! Goa, einst als Hippieparadies bekannt, ist nun im Begriff das neue Lignano der Russen, Israelis und dank dem neuen Condor-Direktflug von München aus auch der Bayern und Österreicher zu werden. Wir machten uns auf den Weg nach Benaulim, wo es noch beschaulicher zugehen sollte. Die Mischung war kurios, russische Werbung auf indischen Beach-Shacks, Pensionisten, sonnenbadende Russinnen und natürlich fotografierende Inder, die sich rundherum scharten wie bei uns daheim Schaulustige um ein brennendes Haus. Und trotzdem war die Zeit am Meer sehr erholsam. Nach ein paar Tagen Strand machten wir wieder ein bisschen Kulturprogramm, denn jeder sagte: Ihr müsst nach Hampi! Eine fast schlaflose Nacht in einem rumpelnden Volvo Sleeper Bus später waren wir auch schon dort. Die Leute hatten Recht: Hampi muss man wirklich erlebt haben!

 


Wir haben schon einige Fotos gesehen, daher wussten wir schon in etwa was uns dort erwarten würde, doch trotzdem hat uns der Anblick der Steinhaufen, des Flusses, der sattgrünen Reisfelder, Bananenbäume und Kokospalmen fast umgehauen. Diese halb bewohnte, halb zerfallene Tempelstadt zieht ihre Besucher relativ leicht in den Bann. Nicht umsonst gibt es gefühlte hundert Yoga-Tempel und Ashrams für den Ansturm von Karma-Suchenden aus aller Welt.

Zum Thema Selbstüberschätzung müssen wir fairerweise noch einen außergewöhnlichen Landsmann erwähnen. Ein Klagenfurter, den wir im Bus nach Hampi getroffen haben und der uns mit stolz geschwellter Brust erklärt hat, dass er mit dem Gedanken spielt, im Mai den Mount Everest zu erklimmen, weil er halt motiviert sei. Als wir ihn daraufhin fragten, ob er denn irgendwelche Vorbereitungen dazu getroffen hat, antwortete er ganz lässig: Ja, ich bin Profitänzer, also mit der Ausdauer müsste das schon so passen. Nachdem wir ihm aber als alte Himalaya-Fexe erklärten, dass es im Mai dank der Wetterbedingungen unmöglich ist, den Everest zu besteigen und er außerdem gute 100.000 Dollar allein für die Trekkingerlaubnis + weiß Gott wie viel für die gesamte Expedition auslegen müsste, haben wir in ihm wahrscheinlich erste Zweifel gesät.

Mehr und mehr wird uns etwas klar: Indien gibt den Touristen was sie suchen. Wir wollten einen Einblick in die Kultur, das Leben und die Leute. Und wir sahen eben auf den Straßen, in den Holzklassezügen, auf den Märkten und an den Sehenswürdigkeiten wie es leibt und lebt, schön, vielfältig, interessant, bunt, pulsierend, aber halt auch dreckig, laut, überfüllt und korrupt. Touristen, die nach Indien kommen um in ein Ashram zu gehen und anschließend ein paar Tage an einem der wunderschönen Strände zu verbringen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ein anderes Indien erleben als wir. Keine Ahnung, ob denen jemals von einer alten Frau mit Nasenring absichtlich der Ellbogen in die Rippen gestoßen wird, ihnen jemand mit einem vermeintlich ehrlichen Grinsen ein Busticket verkauft, das eigentlich nur die Hälfte wert wäre und ob versucht wurde, ihnen eine kostenpflichtige Segnung mitsamt rotem Punkt auf der Stirn zu verkaufen. Diese Liste könnte noch viel länger sein, wir ersparen sie euch aber gern.

Vom Süden Indiens wurden wir dafür jedoch so richtig verwöhnt. Erstaunliche Landschaften, Ruhe, freundliche Leute, gutes Essen also so wie richtiger Urlaub sein sollte. Wem Meer, Strände, Palmen in Goa und Karnataka jemals zu langweilig oder zu heiß werden sollte, kann die kühlen, dunkelgrünen Teeberge in Munnar in den Western Ghats von Kerala und malerische Flusslandschaften in den Backwaters bestaunen. Besonders Munnar war für uns wie eine Oase. Die Spaziergänge durch die friedlichen Teeplantagen, Grün soweit das Auge reicht, frische Luft und angenehmes Klima. Das quirlige Städtchen mit seinem abendlichen Gottesdienst (Kerala ist großteils christlich) und die Orgelmusik, die man auch noch auf den Teebergen hört, schenkte uns ein paar ganz besondere Momente. Immer wieder mussten wir unsere Vorurteile und unsere bisherigen Erfahrungen neu aufrollen, denn nichts war so wie vorher.



Wir trafen weltoffene, gebildete Persönlichkeiten sowie Menschen, die nie eine Chance auf Bildung hatten; freundliche, hilfsbereite Leute und welche, die uns nur zu ihrem Vorteil ausnutzen wollten. Manche haben es geschickt angestellt und manche haben uns für völlig dumm erklärt und versuchten so manche seichte Masche. Wir entdeckten Kulturunterschiede, die uns schockierten oder amüsierten, aber immer zum Nachdenken brachten. Wir haben ALLES gegessen und jedes einzelne Essen war auf seine Weise einzigartig und lecker. Das meiste haben wir gut vertragen, manches so gar nicht. Wir sahen Menschen in teuren Autos und welche die mit ausgeliehenen Kindern betteln gingen. Oft verstanden wir die Welt nicht mehr. Wir haben einiges gelernt. Zum Beispiel wie man eine sechsspurige, voll befahrene Straße zur Rush Hour überquert. Dass Manche gar nichts und Manche alles besitzen. Dass der Mensch in seinem Überlebenskampf manchmal wie ein verzweifeltes Tier wirkt. Dass Kinder schnell erwachsen werden können, wenn sie müssen und das hat uns oft das Herz gebrochen. Dass es nicht viel braucht um glücklich zu sein und viele trotzdem zu wenig haben. Dass es uns daheim extrem gut geht und wir oft nichts davon haben, weil wir immer mehr wollen. Und dass die gelangweilten Genderbeauftragten gemeinsam mit den Feministinnen sich mal das Leben einer Durchschnittsinderin ansehen sollen und sich dann vielleicht nochmal fragen, ob ihre Energie nicht woanders besser aufgehoben wäre als bei der Österreichischen Bundeshymne.


In den zwei Monaten durchliefen wir die ganze Gefühlspalette von beschissen bis beeindruckt und wieder retour. Hinter uns liegt eine prägende Zeit, die wir nicht missen, aber so schnell nicht wiederholen wollen.

Incredible India!


Bilder:




Samstag, 22. Februar 2014

Mit Vertrauten ins Unbekannte

Endlich gibt’s den Eintrag über Nepal.

Schon lange ist er in Arbeit, aber da das Schreiben auch etwas Ruhe benötigt, die wir die letzte Zeit in Indien zwischen Lärm, Sightseeing und Krankheit kaum hatten, wurde es doch wieder etwas später als geplant. Aber nun am Strand in Goa ist es endlich so weit!

Der Abschied von unserem liebgewonnenen Südamerika und unseren Eltern in Paris war noch gar nicht richtig verdaut, als uns der Zwischenstopp unseres Fluges in Muscat in Oman schon mal auf eine grobe Veränderung einstellte. Dass Nepal und Indien nicht voll von laufenden Burkas und Männern in „Kleidern“ sind, war uns natürlich klar, aber trotzdem war es irgendwie der Auftakt zu einer völlig anderen Kultur. Willkommen im Reich der LoGlo und Hinterndusche – denn die werden  uns bestimmt noch lange verfolgen!


Nepal empfing uns gleich mit einer zutreffenden Weisheit am Flughafen in Kathmandu: „Welcome to Nepal – where everything goes slowly“. Auf dem Weg zu unserem Hotel/Guesthouse namens Elbrus Home bekamen wir gleich mal ein paar gute Eindrücke von dem was sich auf den Straßen von Kathmandu so abspielt – nämlich pures Chaos. Autos, Motorräder, Mopeds, Menschen, streunende Hunde, Verkaufsstände, alles in einem bunten Mix ohne Rücksicht auf Verluste. Dazu kommen noch die Schlaglöcher, engen Straßen, Gehupe und wilde Ausweichmanöver, die das Schleudertrauma komplett machen.


Kathmandu – eine Stadt voller Widersprüche. Ein buntes Drecksloch, halb verfallene Gebäude neben neuen Hotels, Räucherstäbchen vs. brennende Müllhaufen – man weiß nie, was einen um die nächste Ecke erwartet – ein Tempel oder ein „Massagesalon“, ein stylisches Touristenlokal oder die Bruchbude eines Einheimischen in dem sich die Familie an einem offenen Feuer am Boden wärmt. Tagsüber vollgestopfte Straßen und Chaos, abends um 22 Uhr wie leergefegt, sodass man die Gassen, durch die man sich schon einige Male durchgekämpft hat kaum wiedererkennt. Obwohl wir noch zu jung sind um dieses Kapitel der Österreichischen Geschichte miterlebt zu haben, haben wir jetzt einen kleine Vorstellung davon wie es sein musste in einer Stadt der Nachkriegszeit zu leben. Das ganze Leben spielt sich auf der offenen Straße ab und man weiß nicht ob man es für seine Lebendigkeit lieben oder für seine Hektik hassen soll. Die Straßenverkäufer höflich, aber aufdringlich mit ihrem „Excuse me, riksha/fruit/trekking/flute/violin/singing bowls? Very cheap, very good!“. Einerseits so traditionell und alt, andererseits hat man das Gefühl, dass sich die Menschen gerne ein wenig westlicher orientieren würden. Viele Restaurants, Geschäfte oder eher „Krämer“ haben daher absurde englische und meist auch hochtrabende Namen wie Google Restaurant, Very Good Momo Center, Elite Restaurant und auch die Kathmandu Mall ist ein halb leeres Einkaufszentrum mit der Auswahl eines 0815-Kirtages.


Je nach Restaurant kann man ein und dasselbe Essen für 50 Cent oder 3 Euro bekommen, Geschmack variiert von Restaurant zu Restaurant, ist aber keine Preisfrage – die Qualität meist auch nicht. Auch die religiösen/historischen Erfahrungen reichten von touristisch-aufgesetzt im Durbar Sqare, wo Touristen das 750-fache zahlen müssen (Touris 750 Rupies, Einheimische 0,00) und dafür alte Gebäude abklappern dürfen, bis hin zu bedrückend-echt in Pashupatinath, einer sehr wichtigen Pilgerstätte für Hindus und dem Ort an dem wir Zeugen öffentlicher Leichenverbrennungen wurden, was wahrscheinlich einer der Momente unserer Reise war, an den wir uns noch lange erinnern werden.


Drei Nächte haben wir die Stadt auf eigene Faust erkundet, und danach war es endlich soweit! Die Verstärkung aus Österreich ist eingetroffen! Die Freude war nicht nur bei uns sehr groß, auch der Besitzer von Elbrus Home hatte ein unverkennbares Leuchten in den Augen – den ganzen Tag hörte man die paar Worte von ihm, die er auf Deutsch konnte: Alles gut, wunderbar!
Das mit den Freunden ist schon komisch. Da sitzt man zu sechst auf einer Dachterrasse mitten in Kathmandu und es fühlt sich an als wär man daheim. Nachdem sich jeder noch mit unglaublich billiger Trekkingausrüstung sein Repertoire aufgestockt hat und wir alle Hindu- und Buddhistentempel abgeklappert haben war es an der Zeit für uns weiterzuziehen. Also mit dem Touristenbus ab nach Pokhara, dem Ausgangspunkt für unsere Trekkingtour. Nach „nur“ sieben Stunden holprigster Busfahrt (200 km), kamen wir dort heil und gut durchgerüttelt an. Zwei Nächte haben wir uns dort hauptsächlich mit der Verkostung diverser Gerichte beschäftigt, denn wenn ein Gericht zwischen 50 Cent und 1,50 EUR kostet, da kann man schon mal 2 – 3 Gänge verdrücken. Denn entgegen aller Gerüchte – das Essen in Nepal ist laut Expertenurteil AUSGEZEICHNET! J


Nach kurzer Beratschlagung war unser Urteil schnell gefällt – eine 10-Tages-Tour zum ABC (Annapurna Basecamp) solls werden, noch ein erstes Beschnuppern mit Rishi, unserem Guide plus ein paar Vorbereitungen und schon saßen wir zu acht in einem Jeep für sieben Personen, was in Nepal so üblich ist.
Der erste Tag unserer Wanderschaft war erstaunlich leicht, nach nur ca. 3,5 Stunden waren wir auch schon am ersten Halt unseres Marsches, Tikedhunga.


Wir dachten schon, „wenn das immer so leicht ist, wird das Ganze ein Kinderspiel“ – doch der folgende Tag trieb uns diesen Gedanken schnell wieder aus. Ganze 5 Stunden Stiegen steigen brachten uns ganz schön aus der Puste und die letzten Meter zu unserem Hotel in Ghorepani  zumindest Sonja und mich dazu, für diesen Tag die Wanderschuhe an den Nagel zu hängen. Während wir uns am Ofen aufwärmten, machten sich die Burschen nochmals auf den Weg um den Sonnenuntergang am Poon Hill zu bewundern. Den Fotos zufolge wurden sie für die zusätzlichen Qualen belohnt, doch ich wäre um nichts in der Welt noch raufgegangen. 


Der nächste Tag war ein besonderer für uns, denn es war der 24. Dezember! Doch auch an diesem Tag wurden wir von Rishi nicht besonders geschont. Zuerst runter, dann wieder rauf – nicht das erste und nicht das letzte Mal dachten wir: Wieso mochans denn des net grod? Dann endlich erreichten wir Tadapani, wo wir ein Weihnachten feierten, das uns vermutlich noch lange in Erinnerungen bleiben wird. Mit Tee, Weihnachtskeksen von daheim, Schnaps aus Österreich, Cachaca aus Brasilien, Kartenspielen und Rishis Hilfe feierten wir auch in der Ferne eine denkwürdige Jesus-Christ-Birthday-Party.


Der erste Weihnachtstag führte uns über malerische Landschaften nach Chhomrong, einem kleinen Dorf mitten am Hang und mit einer wunderschönen Aussicht auf die Täler rund ums Annapurna Massiv. Das eine Mal Internetzugang machte sich bezahlt – denn unser Weihnachtsgeschenk kam per Email – der kleine Leon ist am 24. Dezember zur Welt gekommen, Rudi wurde zum dritten Mal Onkel und darauf mussten wir natürlich mit dem verbliebenen Schnaps anstoßen! Wir freuen uns schon auf dich, kleiner Mann!


An Tag Nummer 5 marschierten wir weiter nach Himalaya, dem vorletzten Stopp bevor ABC. Die Spannung nahm zu, unsere Rucksäcke nahmen ein bisschen ab, jeder hatte schon ein kleineres oder größeres Wehwehchen, aber alle hielten sich erstaunlich gut – wer hätte gedacht, dass es so einfach werden würde, zu sechst so ein Unterfangen zu meistern! Eine weitere Überraschung gab es in Form eines bekannten Gesichts aus Freinberg. Michael, der gerade auf dem Rückweg vom ABC war, staunte mit uns um die Wette wie klein die Welt doch ist. Gute Reise noch, Michi!


Nach unseren fast schon "luxuriösen" Doppelzimmern hatten wir in Himalaya (was auf Nepali schlichtweg Berg heißt) das Vergnügen zu sechst in einem Zimmer zu übernachten. Doch da wir nach unseren anstrengenden Tagesprogrammen immer brav ins Bett gegangen sind, machten wir auch diesmal keine Ausnahme. Außerdem gab’s wiedermal keinen Strom und die Gaststube war voll mit Koreanern, die immer noch „Merry Christmas“ wünschten, also für uns sowieso kein Platz. 


Der sechste Tag und Endspurt zum ABC brachte uns mehrere Veränderungen. Die Landschaft wurde steiniger und kahler und die Luft merklich dünner und kühler. Nach der Mittagspause am Machpuchhre Base Camp, kurz MBC oder auch Fishtail, wurde es dann ernst. Die letzten Stunden bis ABC standen an. Das Base Camp war bereits nach ein paar Minuten sichtbar, aber der Weg bis dorthin zog sich, es wurde immer windiger und kälter und in der gleichen Relation nahm die (allge)meine Motivation ab. Nach langen 2,5 Stunden war es dann jedoch so weit. In Decken und Schlafsack eingehüllt im ungeheizten Gastraum des Base Camps saßen wir am Panoramafenster und starrten auf einer Höhe von 4120 Metern auf die nochmal so hohen Bergmassive rundherum und versuchten uns ein bisschen aufzuwärmen. Dieser Ort hatte eine besondere Stimmung, der Ausblick war einfach gigantisch, den Rest hat die Kälte dazu beigetragen. Auch in der zweiten Nacht im 6-Bett-Zimmer war es bedächtig still, bis auf ein paar nächtliche Verdauungsgeräusche, die irgendwie immer aus derselben Ecke (Oberantlang) kamen.



Nach den üblichen 10 – 12 Stunden Schlaf waren wir mehr oder weniger bereit für den Abstieg – wieder zurück auf 2000 Höhenmeter nach Bamboo! Ein bisschen merkte man schon, dass die Motivation gesunken war, bis auf die von Patrick, der meist sogar noch vor unserem Guide seine Haken geschlagen hat – aber der hat ja auch noch jüngere Knie! Tag 8 war wieder einmal eine harte Nuss, es ging zurück nach Chhomrong, wo wir den Rest unseres Gepäckes wieder einladen durften. Wieder runter ins Tal, 2 Stunden Steinstufen rauf, dann wieder runter – aber zur Belohnung gab´s natürliche Thermalquellen in Jhinu für unsere geschundenen Muskeln und einen unvergesslichen Abend mit Rishi, der mittlerweile völlig aufgetaut war und gut mit unserer Gruppe harmonierte. 
Unvergesslich war ebenfalls Patricks glorreiche Idee. Hund und Katz haben sich schon eine Zeit lang eine unerbittliche Jagd geliefert, bis sich die Katze auf einem Zaun in Sicherheit brachte, den der Hund nicht erreichen konnte. Patrick, ganz der Tierfreund wie es ein angehender Tierarzt sein soll, ging zu der Katze hin, die sich schon auf eine Streicheleinheit freute. Dass sie nicht damit gerechnet hat vom Zaun geschubst zu werden, merkte man an ihrem wütenden Schrei, der vermutlich ein Schimpfwort in Katzensprache bedeutete. Die Jagd begann von neuem und der Hund legte sich schließlich auf die Straße um die Katze erneut abzupassen. Bis er dann einschlief und die Katze ganz lässig vorbeischlich. 


Der neunte Tag und die letzte Nacht in Pothana übertrumpften die vorherigen jedoch nochmal. Die Landschaft zeigte sich erneut in einem ganz anderen Licht – relativ flach, lang gezogen, aber dafür noch immer mit einem tollen Ausblick. Sieben Stunden wandern am vorletzten Tag, ihr könnt euch vorstellen, wie groß die Motivation noch war, doch der Abend in dem geheizten Stübchen nur für uns, Rishi, der uns ein nepalesisches Kartenspiel gelernt hat und dann fast mit den Karten in der Hand am Tisch eingeschlafen ist und eine Gruppe, die es fertig bringt, fast ausschließlich Blödsinn zu reden, ließen uns die Anstrengungen des Tages vergessen und dieses gemeinsame Erlebnis in den Bergen gebührend ausklingen. Die letzte Wanderung am zehnten Tag hatte kaum begonnen als sie schon wieder zu Ende war. Nach zehn Tagen wieder im Auto, konnten wir gar nicht so richtig glauben, dass die letzte Autofahrt schon so lange vorbei war.



Nachdem wir uns in Pokhara gründlich vom Schweiß der letzten Tage entledigt haben, waren wir bereit frisch gewaschen das neue Jahr zu begrüßen, denn es war der 31. Dezember und im touristisch überfüllten Pokhara gab es ein 3-tägiges Straßenfest, obwohl laut Nepali Kalender erst im April das nächste Jahr beginnt. Aber wie es uns vermutlich auch nicht stören würde, wenn wir zweimal im Jahr Silvester feiern könnten, haben die Nepalesen, die es sich leisten konnten, natürlich auch kein Problem damit. Denn da ganz Nepal normalerweise um Punkt 23 Uhr ausgestorben ist, ist es für die Leute etwas besonderes, wenn man mal bis 2 Uhr morgens fortgehen kann. Somit mussten wir auch dieses Jahr nicht auf unser gewohntes Feuerwerk verzichten und für die Hälfte unserer Gruppe wurde auch 2014 traditionell begonnen: mit einen ziemlichen Kater und einem Gedächtnis so löchrig wie Schweizer Käse. Zum Glück waren wir mit einer Art von hellseherischen Fähigkeiten gesegnet und hatten die Busfahrt von Pokhara nach Chitwan auf den 2. Januar verlegt.


Die Busfahrt war kaum erwähnenswert, der übliche eine Tourist, der sich aufführt wie ein Affe, die üblichen Probleme, wenn asiatischstämmige Touris ihre Plätze nicht finden können und die übliche Belagerung der Taxifahrer, Souvenirverkäufer und Hotelangestellten, sobald man aus dem Bus steigt.
Wie schon gesagt, ganz normal. In Chitwan hatten wir dann endlich die Gelegenheit uns wieder ein bisschen aufzuwärmen. Außerdem zogen wir das volle Programm durch: eine Jeep-Safari, bei der wir leider keine Tiger, dafür aber ein Rhinozeros, Affen, Pfauen, riesige Rehe, Wildschweine und Krokodile entdeckten und auch unser Fahrer und sein „Gehilfe“ sorgten unfreiwillig für Unterhaltung.


Zuerst als sein Gehilfe von einem Baumstamm ins Wasser fiel und dann als unser Fahrer auf die glorreiche Idee kam, ohne Allrad einen Fluss zu überqueren. Wir schafften es ziemlich genau bis zur Mitte des Flusses, und von hier an ging es nicht mehr vorwärts sondern nur noch abwärts, da sich der Wagen immer tiefer ins Flussbett eingrub. Nachdem sich unsere Burschen fast 2 Stunden lang abmühten, von allen Richtungen anzuschieben, Äste und Steine unter die Reifen zu zwängen, aber der Fahrer immer mehr die Nerven verlor und nur noch in seiner langen Unterhose herumzitterte, kam endlich Verstärkung in Form einer anderen Reisegruppe, die den Wagen dann endlich aus dem Fluss bewegen konnte. Endlich raus aus dem Schlamassel, standen wir schon in der nächsten Sandgrube drinnen und die Herren mussten gleich wieder anschieben. Während ein anderer nun unser Auto aus dem Sand barg, brauchte unser Fahrer eine kurze Verschnaufpause um wieder Herr der Lage zu werden. Schließlich schafften wir es ohne weitere Zwischenfälle wieder zurück, aber man sah ihm deutlich an, dass er sich an diesem Tag vermutlich nicht mehr mit den anderen Fahrern auf ein Feierabendbier getroffen hat.


Ein besonderer Moment, der uns (zumindest mir) fast noch besser in Erinnerung geblieben ist als die Jeep-Safari war die kurze, aber sehr idyllische Fahrradtour zu der Elefantenbrutstätte gleich am ersten Tag in Chitwan. Der sonnige Tag, der Spaß zu sechst mit den halb zerfallenen Rädern über die schlechten Straßen zu rumpeln und die kleinen Dörfer am Straßenrand brannten sich gut ins Gedächtnis ein. Und vielleicht hat auch ein bisschen das absurde Gefühl dazu beigetragen, wenn man mit dem Fahrrad einen Elefanten überholt.  Das nächste absurde Gefühl hatte auch mit Elefanten zu tun, nur diesmal sind wir nicht vorbeigefahren sondern auf einem draufgesessen. Auf dem Rücken eines Elefanten durch den Dschungel zu streifen, ist schon eine andere Liga als in einem Jeep. Bis auf ein paar knacksende Äste ist alles um einen still, jeder wartet gespannt, dass sich irgendwo etwas bewegt. Ein Rascheln reicht aus um den Puls ein bisschen in die Höhe zu treiben. Schließlich wurden wir mit einer Rhinozeros-Familie samt Baby belohnt, aber vom ersehnten Tiger hörten wir nur ein kurzes Brüllen.


Dass die Zeit bekanntlich noch schneller vergeht, wenn es lustig ist, wurde uns in Nepal wieder einmal so richtig bewusst. Drei Wochen waren fast wie im Flug vergangen und es war Zeit zum zweiten Mal nach Kathmandu aufzubrechen um die ersten 3 wieder nach Hause zu schicken. So schnell die letzte Zeit vergangen war, umso langsam verging für manche die Busfahrt von Chitwan nach Kathmandu. Drei Wochen lang haben wir uns gewundert, dass niemand ein Problem mit dem Essen hatte, da wir oft auch leichtfertig an Straßenständen und in allen möglichen Lokalen gegessen haben. Doch dann genau während dieser 7 Stunden holprigster Busfahrt ging es los. Unsere Gruppe war plötzlich ungewöhnlich ruhig und auch ein bisschen blässer als sonst, aber jeder hielt sich tapfer. Endlich in Kathmandu war es dann als ob der Damm gebrochen wäre. Rudi machte es den anderen gleich mal vor und verzierte den nächstgelegenen Straßengraben mit seiner Frühlingsrolle von der Raststation (was aber in Kathmandu dank der vielen Straßenhunde wirklich keine große Sache ist). Sonja wusste schon, wieso sie das Mittagessen ausgelassen hatte und schaffte es noch locker ins Elbrus Home bis es auch sie erwischte, Stefan war zwar auch krank, aber bei ihm schlug es sich nicht auf den Magen. David, Patrick und mich plagte lediglich der Hunger, also gingen wir abends noch essen und hielten uns für die Elite mit dem robusten Magen.

 

Bis sich dann David mitten in der Nacht kurzfristig von seinem Dal entledigen musste und am nächsten Tag genauso blass war wie die anderen drei. Fairerweise überlasse ich hiermit Patrick die Auszeichnung des „goldenen Saumagen“, denn ich musste eine Woche später mitten in der Nacht auf die Toilette sprinten und habe es um Haaresbreite noch rechtzeitig geschafft. Nach einem letzten gemeinsamen Essen zu sechst, obwohl es manchen noch gar nicht so richtig schmeckte und einem wehmütigen „Bis bald“ ließen wir die ersten drei unserer Runde wieder heimwärts ziehen und für Stefan, Rudi und mich ging es noch ein bisschen auf Erkundungstour abseits der Touristenfallen. Der Chef des Elbrus Home hat uns zwar ungläubig angesehen, als wir ihm unser Vorhaben erklärten, aber wir ließen uns trotzdem nicht davon abbringen. Wir wollten einfach raus aus Kathmandu und das ländliche Nepal sehen!

Erste Station war Dhulikhel, wo wir auf das Nawaranga Guest House ansteuerten, dass in unserem Reiseführer als „Urgestein Dhulikhels mit Kunstgalerie“ aufgeführt war. Auf den Besitzer, das Haus und vermutlich auch auf den zentimeterhohen Schimmel auf unserer Wand traf das Wort Urgestein vollkommen zu. Der Herr, der dieses Guesthouse schon seit gut 40 Jahren besaß, erzählte uns mit einem Schmunzeln in den Augen von den „freaky times“ der 70ziger Jahren. Es waren zwar immer noch Touristen unterwegs, aber die konnte man an einer Hand abzählen. Man wurde nicht angebettelt und die Leute wollten einem nichts verkaufen. Das wahre Leben quasi. Auch beim Obstkauf wird man hier deutlich weniger übers Ohr gehauen, eine frische Pomelo um 7,5 Cent – das war der Startschuss für eine Woche voller abendlicher Schlemmereien, denn irgendwie muss man sich ja die Zeit vertreiben.


Am nächsten Tag gings zuerst zu Fuß auf den nahegelegenen Aussichtspunkt und danach mit dem Bus nach Barabise. Dieses kleine Dorf ist die letzte Station vor der Grenze nach Tibet, welche von uns aber nicht überquert werden konnte.

Als wir auf der Bushaltestation fragten, welcher Bus dorthin geht, wurden wir gleich gefragt: „Und was macht ihr ausgerechnet in Barabise? Da gibt es nichts zu tun!“ Wir sagten nur: „Macht ja nix!“, und schon quetschte man uns mit den Worten „This is Nepal!“ in den überfüllten Bus rein. Nach einer etwas anstrengenden Fahrt, weil manche Passagiere scheinbar nichts von der Existenz anderer Erdteile wussten und uns deshalb fast 2 Stunden durchgehend anstarrten und Kinder, die ganz stolz auf ihr Englisch waren, uns Löcher in den Bauch fragten, waren wir endlich in Barabise angelangt und fragten uns: „Ok. Was machen wir jetzt wirklich hier?“ Zuerst natürlich mal ein „Hotel“ gesucht. Obwohl dieser Ort normalerweise nicht von Touristen aufgesucht wird, was wir deutlich an den neugierigen Blicken der Leute sehen konnten, hatten wir trotzdem eine Auswahl von 4 Gästehäusern – und wir entschieden uns für das Ansprechendste, wo der Schimmel noch ein bisschen Farbe auf der Wand verschont gelassen hatte und es sogar Betten im Zimmer gab. Es gab kein Waschbecken im Bad, nur einen Wasserhahn neben der Toilette mit einem Eimer. Und nein, wir haben nicht nur wegen der Kälte im Schlafsack geschlafen. Bevor wir jedoch geschlafen haben, machten wir selbstverständlich noch einen Dorfspaziergang. Die Leute, die ein bisschen Englisch konnten, sprachen uns sofort an. Der Rest hat einfach nur gestarrt, gelacht oder gewinkt. Man hat ihnen die Frage im Gesicht angesehen: „Was macht ihr denn nur hier?“ 


Kleine Kinder sind uns nachgelaufen nur um uns zu winken oder die Hand zu geben, ein junger Bursch, den wir beim „großen Geschäft“ auf der Wiese überrascht haben, hat sich auch noch schnell die Hose raufgezogen um uns zu folgen und „Namaste“ zu rufen. Die Mama wird’s ihm wieder danken. Als dann abends der Hunger kam, fanden wir natürlich auch kein Lokal, aber eine Bretterhütte in der die Frau „Chowmein“ verstand, wurden wir dann schließlich auch noch satt. Dreimal gebratene Nudeln mit Gemüse und zwei Coca Cola um insgesamt 2 Euro. Uns gefiel es immer besser. Noch kurz zwei fußballgroße Pomelos um 22 Cent gekauft, schon war die Nachspeise im „Hotel“ wieder angerichtet und der Abend bereit zum Ausklingen.

Am nächsten Morgen haben wir uns grade noch gefragt, wo wir etwas zum Frühstücken herbekommen als wir schon bei einer Tasse Milch-Tee und zwei frisch gebackenen Teigkrapfen in einer Art völlig verrußten Backstube saßen. Der Bäckermeister saß vor einer riesigen Pfanne mit heißem Fett und Frau und Tochter saßen hinter ihm am Boden und rollten den Teig, natürlich ebenfalls am Boden. Da sich anscheinend schon herumgesprochen hat, dass drei Touristen da sind, haben wir aus dem Gerede der Leute zumindest ein Wort verstanden: Australia. Während wir dasaßen und mampften, schaute immer wieder jemand „rein zufällig“ vorbei, warf einen Blick auf uns und ging wieder. Vollgefressen und bereit für einen neuen Ort zahlten wir insgesamt ca. 70 Cent für drei Mal Frühstücken, deckten uns noch mit ein paar frischen Samosas für die nächste Busfahrt ein und machten uns auf den Weg. 

Nächster Halt Dolalghat – der Picknickort für Nepalesen. Dieses Dorf wird von zwei Flüssen mit breiten Kiesbänken geteilt, die als Waschmaschine, Dusche, Spielplatz, Esszimmer und zum Teil auch als Mülldeponie bzw. Kanal verwendet werden. Und natürlich gibt’s für jeden Zweck die richtige Stelle am Fluss, blöd, wenn man mal die falsche Stelle erwischt. Sonst gibt es in Dolalghat nicht viel zu sehen. Zwei Guest Houses, die der Bezeichnung kaum würdig sind, ein kleiner Obstmarkt und kleine Fische, scharf gewürzt und im Ganzen gebraten. Das wars. Natürlich haben wir auch hier an dem allabendlichen Ritual festgehalten, uns noch mit Obst und Süßem eingedeckt und sind dann in unseren Schlafsäcken versunken. Neuer Tag, neues Glück, also ab nach Panauti, einer Kleinstadt, in der es sogar ein touristengerechtes Hotel mit Restaurant gab. Fast schon luxuriös, wenn es noch warmes Wasser und durchgehend Strom gegeben hätte. So schön, dass wir gleich zwei Nächte dort geblieben sind. Ein wenig durch die Stadt bummeln, die Leute und die freilaufenden Schweine, Ziegen, Hunde und Kühe bei ihren alltäglichen Aktivitäten beobachten, den Tempel mit der Leichenverbrennungsstätte besuchen und sich darüber wundern, wie man seine Wäsche in einem völlig verdreckten, aber heiligen Fluss waschen kann, der vermutlich mehr alte Flip-Flops als Fische enthält. Zusätzlich sei noch erwähnt, dass sich diese „Wäscherei“ gleich nach der Stelle befand, wo die Asche der verbrannten Menschen mit dem Besen hineingekehrt wird.


Ein Highlight war die mehrstündige Wanderung zum Buddhistenkloster und –tempel Namobuddha. Hier bekamen wir nochmals einen guten Einblick in das ländliche Leben Nepals. Die Menschen arbeiteten auf den Kartoffelackern und Mandarinenplantagen, hatten kleine aber gepflegte Häuschen, die Kinder spielten vor dem Haus und begrüßten auch die Fremden mit einem freundlichen Lächeln und einem „Hello“ oder „Namaste“. Es gibt natürlich immer wieder welche die einen mit „biscuits“, „chocolate“ oder „money“ begrüßen, aber das war trotzdem eher die Ausnahme. Kurz gesagt, man hatte wirklich den Eindruck, dass hier die Welt noch in Ordnung war. Kinder durften noch Kinder sein, und die Menschen scheinen ein einfaches aber zufriedenes Leben zu führen. Nachdem uns der Fußmarsch schon so beeindruckt hatte, gab es dann am Ziel der Wanderung das nächste Wow-Erlebnis – ein nagelneues Buddhistenkloster mit Ausblick auf die Achttausender rundherum.



Der nächste und letzte Stop unserer Erkundungen war Nagarkot. Eine höhergelegene Touristenfalle, aber in der nepalesischen Lightversion. Es ist berühmt für seine wunderschöne Aussicht zum Sonnenaufgang und ein beliebter Ort für flitternde Nepalesen und weil wir ja sonst nichts zu tun hatten, gings halt dorthin um mal einen schönen Sonnenaufgang zu sehen. Es dauerte nicht lange bis wir zu unserem Hotelzimmer gleich auch noch einen Fahrer hatten, der uns am nächsten Morgen zum Aussichtspunkt bringen soll.  Schön war er schon der Sonnenaufgang, aber naja, es war bewölkt, kalt und wie es halt so ist mit dem Tagesanbruch – für mich viel zu früh.
Das war der Programmablauf dieser Woche, vielleicht ein wenig langweilig zu lesen, aber für uns waren es einfach die Kleinigkeiten, die sie so speziell machten. Das Entgegenkommen und die Neugier der Leute, die aberwitzigen Busfahrten in den schrottreifen Einheimischenbussen, der Alltag, der in Nepal so anders abläuft als wir es von daheim gewohnt sind und Situationen, in denen wir erfuhren, dass trotzdem jeder Mensch ähnlich funktioniert, egal wo er herkommt und mit welchen Werten er aufwächst.



Als wir nach dieser Woche das dritte Mal in das stinkende und laute Kathmandu zurückkehrten, fühlte es sich wieder ein bisschen wie zuhause an. Und trotzdem waren wir ein wenig traurig, denn bald mussten wir uns von unserem letzten Begleiter als auch Nepal verabschieden. Mit dem indischen Visum in der Tasche gings dann auch für uns ein paar Tage später nach Delhi, wo wir unsere Indienreise begingen.


So, an dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an Stefan, David, Patrick und Sonja, die die Zeit in Nepal zu etwas ganz Besonderem gemacht haben! Danke für die außergewöhnlichen Feiertage, die abendlichen Sitzungen auf der Dachterrasse, die neuen Thesen über die Mondlandung (und ja, es gibt einen Wiki-Artikel über Verschwörungen zu diesem Thema), die Lachanfälle, die spitzenmäßige Wanderung und alles, was ihr dazu beigetragen habt, einfach nur indem ihr dabei wart!

Bilder:

Kathmandu (Nepal)

Annapurna Sanctuary Trek (Nepal)