Endlich gibt’s den Eintrag über Nepal.
Schon lange ist er in
Arbeit, aber da das Schreiben auch etwas Ruhe benötigt, die wir die letzte Zeit
in Indien zwischen Lärm, Sightseeing und Krankheit kaum hatten, wurde es doch
wieder etwas später als geplant. Aber nun am Strand in Goa ist es endlich so
weit!
Der Abschied von unserem liebgewonnenen Südamerika und
unseren Eltern in Paris war noch gar nicht richtig verdaut, als uns der
Zwischenstopp unseres Fluges in Muscat in Oman schon mal auf eine grobe
Veränderung einstellte. Dass Nepal und Indien nicht voll von laufenden Burkas
und Männern in „Kleidern“ sind, war uns natürlich klar, aber trotzdem war es
irgendwie der Auftakt zu einer völlig anderen Kultur. Willkommen im Reich der LoGlo
und Hinterndusche – denn die werden uns
bestimmt noch lange verfolgen!
Nepal empfing uns gleich mit einer zutreffenden Weisheit am
Flughafen in Kathmandu: „Welcome to Nepal – where everything goes slowly“. Auf
dem Weg zu unserem Hotel/Guesthouse namens Elbrus Home bekamen wir gleich mal
ein paar gute Eindrücke von dem was sich auf den Straßen von Kathmandu so
abspielt – nämlich pures Chaos. Autos, Motorräder, Mopeds, Menschen, streunende
Hunde, Verkaufsstände, alles in einem bunten Mix ohne Rücksicht auf Verluste.
Dazu kommen noch die Schlaglöcher, engen Straßen, Gehupe und wilde
Ausweichmanöver, die das Schleudertrauma komplett machen.
Kathmandu – eine Stadt voller Widersprüche. Ein buntes
Drecksloch, halb verfallene Gebäude neben neuen Hotels, Räucherstäbchen vs.
brennende Müllhaufen – man weiß nie, was einen um die nächste Ecke erwartet –
ein Tempel oder ein „Massagesalon“, ein stylisches Touristenlokal oder die
Bruchbude eines Einheimischen in dem sich die Familie an einem offenen Feuer am
Boden wärmt. Tagsüber vollgestopfte Straßen und Chaos, abends um 22 Uhr wie
leergefegt, sodass man die Gassen, durch die man sich schon einige Male durchgekämpft
hat kaum wiedererkennt. Obwohl wir noch zu jung sind um dieses Kapitel der
Österreichischen Geschichte miterlebt zu haben, haben wir jetzt einen kleine
Vorstellung davon wie es sein musste in einer Stadt der Nachkriegszeit zu leben.
Das ganze Leben spielt sich auf der offenen Straße ab und man weiß nicht ob man
es für seine Lebendigkeit lieben oder für seine Hektik hassen soll. Die
Straßenverkäufer höflich, aber aufdringlich mit ihrem „Excuse me, riksha/fruit/trekking/flute/violin/singing
bowls? Very cheap, very good!“. Einerseits so traditionell und alt,
andererseits hat man das Gefühl, dass sich die Menschen gerne ein wenig
westlicher orientieren würden. Viele Restaurants, Geschäfte oder eher „Krämer“
haben daher absurde englische und meist auch hochtrabende Namen wie Google
Restaurant, Very Good Momo Center, Elite Restaurant und auch die Kathmandu Mall
ist ein halb leeres Einkaufszentrum mit der Auswahl eines 0815-Kirtages.
Je
nach Restaurant kann man ein und dasselbe Essen für 50 Cent oder 3 Euro
bekommen, Geschmack variiert von Restaurant zu Restaurant, ist aber keine
Preisfrage – die Qualität meist auch nicht. Auch die religiösen/historischen
Erfahrungen reichten von touristisch-aufgesetzt im Durbar Sqare, wo Touristen
das 750-fache zahlen müssen (Touris 750 Rupies, Einheimische 0,00) und dafür
alte Gebäude abklappern dürfen, bis hin zu bedrückend-echt in Pashupatinath,
einer sehr wichtigen Pilgerstätte für Hindus und dem Ort an dem wir Zeugen
öffentlicher Leichenverbrennungen wurden, was wahrscheinlich einer der Momente
unserer Reise war, an den wir uns noch lange erinnern werden.
Drei Nächte haben wir die Stadt auf eigene Faust erkundet,
und danach war es endlich soweit! Die Verstärkung aus Österreich ist
eingetroffen! Die Freude war nicht nur bei uns sehr groß, auch der Besitzer von
Elbrus Home hatte ein unverkennbares Leuchten in den Augen – den ganzen Tag
hörte man die paar Worte von ihm, die er auf Deutsch konnte: Alles gut,
wunderbar!
Das mit den Freunden ist schon komisch. Da sitzt man zu
sechst auf einer Dachterrasse mitten in Kathmandu und es fühlt sich an als wär
man daheim. Nachdem sich jeder noch mit unglaublich billiger Trekkingausrüstung
sein Repertoire aufgestockt hat und wir alle Hindu- und Buddhistentempel
abgeklappert haben war es an der Zeit für uns weiterzuziehen. Also mit dem
Touristenbus ab nach Pokhara, dem Ausgangspunkt für unsere Trekkingtour. Nach
„nur“ sieben Stunden holprigster Busfahrt (200 km), kamen wir dort heil und gut
durchgerüttelt an. Zwei Nächte haben wir uns dort hauptsächlich mit der
Verkostung diverser Gerichte beschäftigt, denn wenn ein Gericht zwischen 50
Cent und 1,50 EUR kostet, da kann man schon mal 2 – 3 Gänge verdrücken. Denn
entgegen aller Gerüchte – das Essen in Nepal ist laut Expertenurteil
AUSGEZEICHNET! J
Nach kurzer Beratschlagung war unser Urteil schnell gefällt
– eine 10-Tages-Tour zum ABC (Annapurna Basecamp) solls werden, noch ein erstes
Beschnuppern mit Rishi, unserem Guide plus ein paar Vorbereitungen und schon saßen
wir zu acht in einem Jeep für sieben Personen, was in Nepal so üblich ist.
Der erste
Tag unserer Wanderschaft war erstaunlich leicht, nach nur ca. 3,5 Stunden waren
wir auch schon am ersten Halt unseres Marsches, Tikedhunga.
Wir dachten schon,
„wenn das immer so leicht ist, wird das Ganze ein Kinderspiel“ – doch der
folgende Tag trieb uns diesen Gedanken schnell wieder aus. Ganze 5 Stunden
Stiegen steigen brachten uns ganz schön aus der Puste und die letzten Meter zu
unserem Hotel in Ghorepani zumindest
Sonja und mich dazu, für diesen Tag die Wanderschuhe an den Nagel zu hängen.
Während wir uns am Ofen aufwärmten, machten sich die Burschen nochmals auf den
Weg um den Sonnenuntergang am Poon Hill zu bewundern. Den Fotos zufolge wurden
sie für die zusätzlichen Qualen belohnt, doch ich wäre um nichts in der Welt
noch raufgegangen.
Der nächste Tag war ein besonderer für uns, denn es war der
24. Dezember! Doch auch an diesem Tag wurden wir von Rishi nicht besonders
geschont. Zuerst runter, dann wieder rauf – nicht das erste und nicht das
letzte Mal dachten wir: Wieso mochans denn des net grod? Dann endlich
erreichten wir Tadapani, wo wir ein Weihnachten feierten, das uns vermutlich
noch lange in Erinnerungen bleiben wird. Mit Tee, Weihnachtskeksen von daheim,
Schnaps aus Österreich, Cachaca aus Brasilien, Kartenspielen und Rishis Hilfe
feierten wir auch in der Ferne eine denkwürdige Jesus-Christ-Birthday-Party.
Der erste Weihnachtstag führte uns über malerische Landschaften nach Chhomrong,
einem kleinen Dorf mitten am Hang und mit einer wunderschönen Aussicht auf die
Täler rund ums Annapurna Massiv. Das eine Mal Internetzugang machte sich
bezahlt – denn unser Weihnachtsgeschenk kam per Email – der kleine Leon ist am
24. Dezember zur Welt gekommen, Rudi wurde zum dritten Mal Onkel und darauf
mussten wir natürlich mit dem verbliebenen Schnaps anstoßen! Wir freuen uns
schon auf dich, kleiner Mann!
An Tag Nummer 5 marschierten wir weiter nach
Himalaya, dem vorletzten Stopp bevor ABC. Die Spannung nahm zu, unsere
Rucksäcke nahmen ein bisschen ab, jeder hatte schon ein kleineres oder größeres
Wehwehchen, aber alle hielten sich erstaunlich gut – wer hätte gedacht, dass es
so einfach werden würde, zu sechst so ein Unterfangen zu meistern! Eine weitere
Überraschung gab es in Form eines bekannten Gesichts aus Freinberg. Michael,
der gerade auf dem Rückweg vom ABC war, staunte mit uns um die Wette wie klein
die Welt doch ist. Gute Reise noch, Michi!
Nach unseren fast schon "luxuriösen" Doppelzimmern hatten wir
in Himalaya (was auf Nepali schlichtweg Berg heißt) das Vergnügen zu sechst in
einem Zimmer zu übernachten. Doch da wir nach unseren anstrengenden
Tagesprogrammen immer brav ins Bett gegangen sind, machten wir auch diesmal
keine Ausnahme. Außerdem gab’s wiedermal keinen Strom und die Gaststube war
voll mit Koreanern, die immer noch „Merry Christmas“ wünschten, also für uns
sowieso kein Platz.
Der sechste Tag und Endspurt zum ABC brachte uns mehrere
Veränderungen. Die Landschaft wurde steiniger und kahler und die Luft merklich
dünner und kühler. Nach der Mittagspause am Machpuchhre Base Camp, kurz MBC
oder auch Fishtail, wurde es dann ernst. Die letzten Stunden bis ABC standen
an. Das Base Camp war bereits nach ein paar Minuten sichtbar, aber der Weg bis
dorthin zog sich, es wurde immer windiger und kälter und in der gleichen
Relation nahm die (allge)meine Motivation ab. Nach langen 2,5 Stunden war es
dann jedoch so weit. In Decken und Schlafsack eingehüllt im ungeheizten
Gastraum des Base Camps saßen wir am Panoramafenster und starrten auf einer
Höhe von 4120 Metern auf die nochmal so hohen Bergmassive rundherum und
versuchten uns ein bisschen aufzuwärmen. Dieser Ort hatte eine besondere
Stimmung, der Ausblick war einfach gigantisch, den Rest hat die Kälte dazu
beigetragen. Auch in der zweiten Nacht im 6-Bett-Zimmer war es bedächtig still,
bis auf ein paar nächtliche Verdauungsgeräusche, die irgendwie immer aus
derselben Ecke (Oberantlang) kamen.
Nach den üblichen 10 – 12 Stunden Schlaf
waren wir mehr oder weniger bereit für den Abstieg – wieder zurück auf 2000
Höhenmeter nach Bamboo! Ein bisschen merkte man schon, dass die Motivation
gesunken war, bis auf die von Patrick, der meist sogar noch vor unserem Guide
seine Haken geschlagen hat – aber der hat ja auch noch jüngere Knie! Tag 8 war
wieder einmal eine harte Nuss, es ging zurück nach Chhomrong, wo wir den Rest
unseres Gepäckes wieder einladen durften. Wieder runter ins Tal, 2 Stunden
Steinstufen rauf, dann wieder runter – aber zur Belohnung gab´s natürliche
Thermalquellen in Jhinu für unsere geschundenen Muskeln und einen
unvergesslichen Abend mit Rishi, der mittlerweile völlig aufgetaut war und gut
mit unserer Gruppe harmonierte.
Unvergesslich war ebenfalls Patricks glorreiche
Idee. Hund und Katz haben sich schon eine Zeit lang eine unerbittliche Jagd
geliefert, bis sich die Katze auf einem Zaun in Sicherheit brachte, den der
Hund nicht erreichen konnte. Patrick, ganz der Tierfreund wie es ein angehender
Tierarzt sein soll, ging zu der Katze hin, die sich schon auf eine
Streicheleinheit freute. Dass sie nicht damit gerechnet hat vom Zaun geschubst
zu werden, merkte man an ihrem wütenden Schrei, der vermutlich ein Schimpfwort
in Katzensprache bedeutete. Die Jagd begann von neuem und der Hund legte sich
schließlich auf die Straße um die Katze erneut abzupassen. Bis er dann
einschlief und die Katze ganz lässig vorbeischlich.
Der neunte Tag und die
letzte Nacht in Pothana übertrumpften die vorherigen jedoch nochmal. Die
Landschaft zeigte sich erneut in einem ganz anderen Licht – relativ flach, lang
gezogen, aber dafür noch immer mit einem tollen Ausblick. Sieben Stunden
wandern am vorletzten Tag, ihr könnt euch vorstellen, wie groß die Motivation
noch war, doch der Abend in dem geheizten Stübchen nur für uns, Rishi, der uns
ein nepalesisches Kartenspiel gelernt hat und dann fast mit den Karten in der
Hand am Tisch eingeschlafen ist und eine Gruppe, die es fertig bringt, fast
ausschließlich Blödsinn zu reden, ließen uns die Anstrengungen des Tages
vergessen und dieses gemeinsame Erlebnis in den Bergen gebührend ausklingen.
Die letzte Wanderung am zehnten Tag hatte kaum begonnen als sie schon wieder zu
Ende war. Nach zehn Tagen wieder im Auto, konnten wir gar nicht so richtig
glauben, dass die letzte Autofahrt schon so lange vorbei war.
Nachdem wir uns in Pokhara gründlich vom Schweiß der letzten
Tage entledigt haben, waren wir bereit frisch gewaschen das neue Jahr zu
begrüßen, denn es war der 31. Dezember und im touristisch überfüllten Pokhara
gab es ein 3-tägiges Straßenfest, obwohl laut Nepali Kalender erst im April das
nächste Jahr beginnt. Aber wie es uns vermutlich auch nicht stören würde, wenn
wir zweimal im Jahr Silvester feiern könnten, haben die Nepalesen, die es sich
leisten konnten, natürlich auch kein Problem damit. Denn da ganz Nepal
normalerweise um Punkt 23 Uhr ausgestorben ist, ist es für die Leute etwas
besonderes, wenn man mal bis 2 Uhr morgens fortgehen kann. Somit mussten wir
auch dieses Jahr nicht auf unser gewohntes Feuerwerk verzichten und für die
Hälfte unserer Gruppe wurde auch 2014 traditionell begonnen: mit einen
ziemlichen Kater und einem Gedächtnis so löchrig wie Schweizer Käse. Zum Glück
waren wir mit einer Art von hellseherischen Fähigkeiten gesegnet und hatten die
Busfahrt von Pokhara nach Chitwan auf den 2. Januar verlegt.
Die Busfahrt war kaum erwähnenswert, der übliche eine
Tourist, der sich aufführt wie ein Affe, die üblichen Probleme, wenn
asiatischstämmige Touris ihre Plätze nicht finden können und die übliche
Belagerung der Taxifahrer, Souvenirverkäufer und Hotelangestellten, sobald man
aus dem Bus steigt.
Wie schon gesagt, ganz normal. In Chitwan hatten wir dann
endlich die Gelegenheit uns wieder ein bisschen aufzuwärmen. Außerdem zogen wir
das volle Programm durch: eine Jeep-Safari, bei der wir leider keine Tiger,
dafür aber ein Rhinozeros, Affen, Pfauen, riesige Rehe, Wildschweine und
Krokodile entdeckten und auch unser Fahrer und sein „Gehilfe“ sorgten
unfreiwillig für Unterhaltung.
Zuerst als sein Gehilfe von einem Baumstamm ins
Wasser fiel und dann als unser Fahrer auf die glorreiche Idee kam, ohne Allrad
einen Fluss zu überqueren. Wir schafften es ziemlich genau bis zur Mitte des
Flusses, und von hier an ging es nicht mehr vorwärts sondern nur noch abwärts,
da sich der Wagen immer tiefer ins Flussbett eingrub. Nachdem sich unsere
Burschen fast 2 Stunden lang abmühten, von allen Richtungen anzuschieben, Äste
und Steine unter die Reifen zu zwängen, aber der Fahrer immer mehr die Nerven
verlor und nur noch in seiner langen Unterhose herumzitterte, kam endlich
Verstärkung in Form einer anderen Reisegruppe, die den Wagen dann endlich aus
dem Fluss bewegen konnte. Endlich raus aus dem Schlamassel, standen wir schon
in der nächsten Sandgrube drinnen und die Herren mussten gleich wieder anschieben.
Während ein anderer nun unser Auto aus dem Sand barg, brauchte unser Fahrer
eine kurze Verschnaufpause um wieder Herr der Lage zu werden. Schließlich
schafften wir es ohne weitere Zwischenfälle wieder zurück, aber man sah ihm
deutlich an, dass er sich an diesem Tag vermutlich nicht mehr mit den anderen
Fahrern auf ein Feierabendbier getroffen hat.
Ein besonderer Moment, der uns
(zumindest mir) fast noch besser in Erinnerung geblieben ist als die
Jeep-Safari war die kurze, aber sehr idyllische Fahrradtour zu der
Elefantenbrutstätte gleich am ersten Tag in Chitwan. Der sonnige Tag, der Spaß zu
sechst mit den halb zerfallenen Rädern über die schlechten Straßen zu rumpeln
und die kleinen Dörfer am Straßenrand brannten sich gut ins Gedächtnis ein. Und
vielleicht hat auch ein bisschen das absurde Gefühl dazu beigetragen, wenn man
mit dem Fahrrad einen Elefanten überholt. Das nächste absurde Gefühl hatte auch mit
Elefanten zu tun, nur diesmal sind wir nicht vorbeigefahren sondern auf einem
draufgesessen. Auf dem Rücken eines Elefanten durch den Dschungel zu streifen,
ist schon eine andere Liga als in einem Jeep. Bis auf ein paar knacksende Äste
ist alles um einen still, jeder wartet gespannt, dass sich irgendwo etwas
bewegt. Ein Rascheln reicht aus um den Puls ein bisschen in die Höhe zu
treiben. Schließlich wurden wir mit einer Rhinozeros-Familie samt Baby belohnt,
aber vom ersehnten Tiger hörten wir nur ein kurzes Brüllen.
Dass die Zeit bekanntlich noch schneller vergeht, wenn es
lustig ist, wurde uns in Nepal wieder einmal so richtig bewusst. Drei Wochen
waren fast wie im Flug vergangen und es war Zeit zum zweiten Mal nach Kathmandu
aufzubrechen um die ersten 3 wieder nach Hause zu schicken. So schnell die
letzte Zeit vergangen war, umso langsam verging für manche die Busfahrt von
Chitwan nach Kathmandu. Drei Wochen lang haben wir uns gewundert, dass niemand
ein Problem mit dem Essen hatte, da wir oft auch leichtfertig an Straßenständen
und in allen möglichen Lokalen gegessen haben. Doch dann genau während dieser 7
Stunden holprigster Busfahrt ging es los. Unsere Gruppe war plötzlich
ungewöhnlich ruhig und auch ein bisschen blässer als sonst, aber jeder hielt
sich tapfer. Endlich in Kathmandu war es dann als ob der Damm gebrochen wäre. Rudi
machte es den anderen gleich mal vor und verzierte den nächstgelegenen
Straßengraben mit seiner Frühlingsrolle von der Raststation (was aber in
Kathmandu dank der vielen Straßenhunde wirklich keine große Sache ist). Sonja
wusste schon, wieso sie das Mittagessen ausgelassen hatte und schaffte es noch
locker ins Elbrus Home bis es auch sie erwischte, Stefan war zwar auch krank,
aber bei ihm schlug es sich nicht auf den Magen. David, Patrick und mich plagte
lediglich der Hunger, also gingen wir abends noch essen und hielten uns für die
Elite mit dem robusten Magen.
Bis sich dann David mitten in der Nacht
kurzfristig von seinem Dal entledigen musste und am nächsten Tag genauso blass
war wie die anderen drei. Fairerweise überlasse ich hiermit Patrick die
Auszeichnung des „goldenen Saumagen“, denn ich musste eine Woche später mitten
in der Nacht auf die Toilette sprinten und habe es um Haaresbreite noch
rechtzeitig geschafft. Nach einem letzten gemeinsamen Essen zu sechst, obwohl
es manchen noch gar nicht so richtig schmeckte und einem wehmütigen „Bis bald“
ließen wir die ersten drei unserer Runde wieder heimwärts ziehen und für
Stefan, Rudi und mich ging es noch ein bisschen auf Erkundungstour abseits der
Touristenfallen. Der Chef des Elbrus Home hat uns zwar ungläubig angesehen, als
wir ihm unser Vorhaben erklärten, aber wir ließen uns trotzdem nicht davon
abbringen. Wir wollten einfach raus aus Kathmandu und das ländliche Nepal
sehen!
Erste Station war Dhulikhel, wo wir auf das Nawaranga Guest House ansteuerten,
dass in unserem Reiseführer als „Urgestein Dhulikhels mit Kunstgalerie“
aufgeführt war. Auf den Besitzer, das Haus und vermutlich auch auf den
zentimeterhohen Schimmel auf unserer Wand traf das Wort Urgestein vollkommen
zu. Der Herr, der dieses Guesthouse schon seit gut 40 Jahren besaß, erzählte
uns mit einem Schmunzeln in den Augen von den „freaky times“ der 70ziger Jahren. Es waren zwar
immer noch Touristen unterwegs, aber die konnte man an einer Hand abzählen. Man
wurde nicht angebettelt und die Leute wollten einem nichts verkaufen. Das wahre Leben quasi. Auch beim Obstkauf wird man hier deutlich weniger übers Ohr gehauen, eine frische
Pomelo um 7,5 Cent – das war der Startschuss für eine Woche voller abendlicher
Schlemmereien, denn irgendwie muss man sich ja die Zeit vertreiben.
Am nächsten Tag gings zuerst zu Fuß auf den nahegelegenen
Aussichtspunkt und danach mit dem Bus nach Barabise. Dieses kleine Dorf ist die letzte Station vor der Grenze nach Tibet, welche von uns aber nicht überquert werden konnte.
Als wir auf der
Bushaltestation fragten, welcher Bus dorthin geht, wurden wir gleich gefragt: „Und
was macht ihr ausgerechnet in Barabise? Da gibt es nichts zu tun!“ Wir sagten
nur: „Macht ja nix!“, und schon quetschte man uns mit den Worten „This is
Nepal!“ in den überfüllten Bus rein. Nach einer etwas anstrengenden Fahrt, weil
manche Passagiere scheinbar nichts von der Existenz anderer Erdteile wussten
und uns deshalb fast 2 Stunden durchgehend anstarrten und Kinder, die ganz
stolz auf ihr Englisch waren, uns Löcher in den Bauch fragten, waren wir
endlich in Barabise angelangt und fragten uns: „Ok. Was machen wir jetzt
wirklich hier?“ Zuerst natürlich mal ein „Hotel“ gesucht. Obwohl dieser Ort
normalerweise nicht von Touristen aufgesucht wird, was wir deutlich an den
neugierigen Blicken der Leute sehen konnten, hatten wir trotzdem eine Auswahl
von 4 Gästehäusern – und wir entschieden uns für das Ansprechendste, wo der
Schimmel noch ein bisschen Farbe auf der Wand verschont gelassen hatte und es
sogar Betten im Zimmer gab. Es gab kein Waschbecken im Bad, nur einen
Wasserhahn neben der Toilette mit einem Eimer. Und nein, wir haben nicht nur
wegen der Kälte im Schlafsack geschlafen. Bevor wir jedoch geschlafen haben,
machten wir selbstverständlich noch einen Dorfspaziergang. Die Leute, die ein
bisschen Englisch konnten, sprachen uns sofort an. Der Rest hat einfach nur
gestarrt, gelacht oder gewinkt. Man hat ihnen die Frage im Gesicht angesehen:
„Was macht ihr denn nur hier?“
Kleine Kinder sind uns nachgelaufen nur um uns
zu winken oder die Hand zu geben, ein junger Bursch, den wir beim „großen
Geschäft“ auf der Wiese überrascht haben, hat sich auch noch schnell die Hose
raufgezogen um uns zu folgen und „Namaste“ zu rufen. Die Mama wird’s ihm wieder
danken. Als dann abends der Hunger kam, fanden wir natürlich auch kein Lokal,
aber eine Bretterhütte in der die Frau „Chowmein“ verstand, wurden wir dann
schließlich auch noch satt. Dreimal gebratene Nudeln mit Gemüse und zwei Coca
Cola um insgesamt 2 Euro. Uns gefiel es immer besser. Noch kurz zwei
fußballgroße Pomelos um 22 Cent gekauft, schon war die Nachspeise im „Hotel“
wieder angerichtet und der Abend bereit zum Ausklingen.
Am nächsten Morgen
haben wir uns grade noch gefragt, wo wir etwas zum Frühstücken herbekommen als
wir schon bei einer Tasse Milch-Tee und zwei frisch gebackenen Teigkrapfen in
einer Art völlig verrußten Backstube saßen. Der Bäckermeister saß vor einer
riesigen Pfanne mit heißem Fett und Frau und Tochter saßen hinter ihm am Boden
und rollten den Teig, natürlich ebenfalls am Boden. Da sich anscheinend schon
herumgesprochen hat, dass drei Touristen da sind, haben wir aus dem Gerede der
Leute zumindest ein Wort verstanden: Australia. Während wir dasaßen und
mampften, schaute immer wieder jemand „rein zufällig“ vorbei, warf einen Blick
auf uns und ging wieder. Vollgefressen und bereit für einen neuen Ort zahlten
wir insgesamt ca. 70 Cent für drei Mal Frühstücken, deckten uns noch mit ein
paar frischen Samosas für die nächste Busfahrt ein und machten uns auf den Weg.
Nächster Halt Dolalghat – der Picknickort für Nepalesen. Dieses Dorf wird von
zwei Flüssen mit breiten Kiesbänken geteilt, die als Waschmaschine, Dusche,
Spielplatz, Esszimmer und zum Teil auch als Mülldeponie bzw. Kanal verwendet werden.
Und natürlich gibt’s für jeden Zweck die richtige Stelle am Fluss, blöd, wenn
man mal die falsche Stelle erwischt. Sonst gibt es in Dolalghat nicht viel zu
sehen. Zwei Guest Houses, die der Bezeichnung kaum würdig sind, ein kleiner
Obstmarkt und kleine Fische, scharf gewürzt und im Ganzen gebraten. Das wars.
Natürlich haben wir auch hier an dem allabendlichen Ritual festgehalten, uns
noch mit Obst und Süßem eingedeckt und sind dann in unseren Schlafsäcken versunken.
Neuer Tag, neues Glück, also ab nach Panauti, einer Kleinstadt, in der es
sogar ein touristengerechtes Hotel mit Restaurant gab. Fast schon luxuriös,
wenn es noch warmes Wasser und durchgehend Strom gegeben hätte. So schön, dass
wir gleich zwei Nächte dort geblieben sind. Ein wenig durch die Stadt bummeln,
die Leute und die freilaufenden Schweine, Ziegen, Hunde und Kühe bei ihren
alltäglichen Aktivitäten beobachten, den Tempel mit der
Leichenverbrennungsstätte besuchen und sich darüber wundern, wie man seine
Wäsche in einem völlig verdreckten, aber heiligen Fluss waschen kann, der
vermutlich mehr alte Flip-Flops als Fische enthält. Zusätzlich sei noch
erwähnt, dass sich diese „Wäscherei“ gleich nach der Stelle befand, wo die
Asche der verbrannten Menschen mit dem Besen hineingekehrt wird.
Ein Highlight
war die mehrstündige Wanderung zum Buddhistenkloster und –tempel Namobuddha. Hier
bekamen wir nochmals einen guten Einblick in das ländliche Leben Nepals. Die
Menschen arbeiteten auf den Kartoffelackern und Mandarinenplantagen, hatten
kleine aber gepflegte Häuschen, die Kinder spielten vor dem Haus und begrüßten
auch die Fremden mit einem freundlichen Lächeln und einem „Hello“ oder
„Namaste“. Es gibt natürlich immer wieder welche die einen mit „biscuits“,
„chocolate“ oder „money“ begrüßen, aber das war trotzdem eher die Ausnahme. Kurz
gesagt, man hatte wirklich den Eindruck, dass hier die Welt noch in Ordnung
war. Kinder durften noch Kinder sein, und die Menschen scheinen ein einfaches
aber zufriedenes Leben zu führen. Nachdem uns der Fußmarsch schon so
beeindruckt hatte, gab es dann am Ziel der Wanderung das nächste Wow-Erlebnis –
ein nagelneues Buddhistenkloster mit Ausblick auf die Achttausender rundherum.
Der nächste und letzte Stop unserer Erkundungen war Nagarkot. Eine
höhergelegene Touristenfalle, aber in der nepalesischen Lightversion. Es ist
berühmt für seine wunderschöne Aussicht zum Sonnenaufgang und ein beliebter Ort
für flitternde Nepalesen und weil wir ja sonst nichts zu tun hatten, gings halt
dorthin um mal einen schönen Sonnenaufgang zu sehen. Es dauerte nicht lange bis
wir zu unserem Hotelzimmer gleich auch noch einen Fahrer hatten, der uns am
nächsten Morgen zum Aussichtspunkt bringen soll. Schön war er schon der Sonnenaufgang, aber
naja, es war bewölkt, kalt und wie es halt so ist mit dem Tagesanbruch – für
mich viel zu früh.
Das war der Programmablauf dieser Woche, vielleicht ein
wenig langweilig zu lesen, aber für uns waren es einfach die Kleinigkeiten, die
sie so speziell machten. Das Entgegenkommen und die Neugier der Leute, die
aberwitzigen Busfahrten in den schrottreifen Einheimischenbussen, der Alltag,
der in Nepal so anders abläuft als wir es von daheim gewohnt sind und
Situationen, in denen wir erfuhren, dass trotzdem jeder Mensch ähnlich
funktioniert, egal wo er herkommt und mit welchen Werten er aufwächst.
Als wir nach dieser Woche das dritte Mal in das stinkende
und laute Kathmandu zurückkehrten, fühlte es sich wieder ein bisschen wie
zuhause an. Und trotzdem waren wir ein wenig traurig, denn bald mussten wir uns
von unserem letzten Begleiter als auch Nepal verabschieden. Mit dem indischen
Visum in der Tasche gings dann auch für uns ein paar Tage später nach Delhi, wo
wir unsere Indienreise begingen.
So, an dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an Stefan,
David, Patrick und Sonja, die die Zeit in Nepal zu etwas ganz Besonderem
gemacht haben! Danke für die außergewöhnlichen Feiertage, die abendlichen
Sitzungen auf der Dachterrasse, die neuen Thesen über die Mondlandung (und ja,
es gibt einen Wiki-Artikel über Verschwörungen zu diesem Thema), die
Lachanfälle, die spitzenmäßige Wanderung und alles, was ihr dazu beigetragen
habt, einfach nur indem ihr dabei wart!
Kathmandu (Nepal)
Annapurna Sanctuary Trek (Nepal)
Bilder:
Annapurna Sanctuary Trek (Nepal)























































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